Auf der Hochzeit zu Kanaan war keine Cinderella. Was soll der Quatsch? Mit diesem Blogbeitrag räume ich mit keinen Klischees auf. Im Gegenteil, ich versuche an Hand dieser ein gesellschaftliches Phänomen zu erklären, das funktionale Beziehungsstörungen zwischen Narzisst*innen und Echoist*innen nährt.

In Märchen wie Cinderella, Dornröschen, Rapunzel, um nur ein paar wenige und die bekanntesten zu nennen, wartet (passiv) die Frau immer auf den Prinzen (aktiv)

Ein attraktiver und mutiger Mann soll Frauen aus frühkindlich geprägten Engen befreien und je nach Geschmack kann er auch in Jesus-Latschen daher kommen.

Zumindest in Märchen werden junge Frauen meist von älteren Frauen eingesperrt. Dabei handelt es sich übrigens um weiblichen Narzissmus, der für die Einengung des gleichen Geschlechts sorgt. Die böse Stiefmutter bei Cinderella z.B. oder die böse Tante bei Dornröschen. Interessanter Weise geht es in den klassischen Märchen nie um narzisstische Mütter als direkte Verwandte. Das „Böse“ kommt immer von außen.

Die jungen Frauen oder Mädchen werden zum vermeintlich eigenen Schutz von der Außenwelt isoliert. Sie landen bei Zwergen im Wald, werden in einen Turm gemauert oder müssen demütigende Arbeiten verrichten.

Aber irgendwann werden diese Frauen erlöst und am Happy End wartet ein toller Mann, der Trost und Lohn für erlittene Seelenqualen bieten soll. Meist stolpert dieser allerdings auch nur mehr schlecht als recht in die für ihn vorgesehene Geschichte und ist mit der Heilsrolle völlig überfordert.

Mit diesem Cinderella-Denken und Retterdasein wurde meine Generation groß. Für die Generation unserer Kinder gibt es zum Glück auch schon zahlreiche Märchen bzw. Filme mit aktiven und mutigen Mädchen wie Vaiana und Bibi, sogenannte Rebel Girls, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen und als Heldinnen meistern. Die Jungs dürfen sich entspannen.

Durch Cinderella hingegen wurde uns weisgemacht, dass Sanftmut und Echoismus (coabhängig von Narzissmus) irgendwann belohnt werden. Die Täubchen am Grab der Mutter oder die Eicheln des Vaters bringen die Erlösung durch wundervolle Kleider, mit denen Cinderella am Ball ihre bösen Stiefschwestern ausboten und schließlich das Herz des Prinzen erobern kann. Die niedliche Schusseligkeit mit dem verlorenen Schuh auf der Treppe und Cinderella wird zur Prinzessin.

Meiner Generation wurde suggeriert: halte durch,
dann wirst Du belohnt

Lass Dir alles gefallen, dann kommt schon noch irgendwann einmal der Prinz auf seinem weißen Schimmel und alles wird gut. Je mehr frau leidet und sich (auf)opfert, umso größer der Lohn. Und was nicht passt, wird eben passend gemacht, auch der Feind im eigenen Bett oder der Bossing Chef (ein Boss der mobbt).

Unsere Prinzen kommen nicht mehr auf einem Schimmel durch verträumte Wälder geritten, sondern fahren bevorzugt Porsche oder Lamborghini. Sie müssen sich großzügig geben und wirken schillernd und charmant, zumindest auf den ersten Blick. Sie schmeißen mal eben eine Runde Champus. Auch wenn sie ihn, wie im Dokufilm „Der Tinder Schwindler“ schön skizziert, in Wahrheit gar nicht selbst bezahlen, die Wirkung blendet. Mitunter wissen diese Männer selbst nicht, dass sie einem seltsamen Zwang unterliegen.

Ein bedeutsames Vorbild in Sachen Liebe unserer Geschichte ist Jesus, der über die Jahrtausende leider selbst von der Kirche oft und gern missverstanden oder mal eben uminterpretiert wurde. Insbesondere die katholische Kirche ist eines der reichsten Unternehmen weltweit mit Immobilien, Kapitalanlagen und Grundstücken. Laut dem Sozialwissenschaftler Carsten Frerk lag das Vermögen der katholischen Kirche 2013 bei 200 Milliarden Euro.

Sicher hat Jesus bei seiner Bergpredigt mit den ihm in den Mund gelegten Sätzen „Ihr seid das Licht der Welt“ und „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Evangelium nach Matthäus Kapitel 5,14 und 16) etwas anderes gemeint als Prunk und Alphatiergehabe und den Lobpreis für den schnöden Mammon.

Jesus schmiss eine Runde Fisch und auf der Hochzeit zu Kanaan verwandelte er Wasser zu kostbarem Wein

Alle wurden satt und waren glücklich. So möchten auch die Prinzen dieser Welt gesehen werden. Allerdings suchen sie ihre Gäste nach anderen Kriterien aus als sie vermutlich Jesus wichtig waren.

Möglich aber auch, dass ich unseren Prinzen Unrecht tue und sie vielleicht aus ehrwürdigeren Gründen Partys schmeißen anstatt sich damit Aufmerksamkeit und Liebe zu erkaufen. Wir machen schließlich nichts ohne (guten) Grund.

Gestatten Sie mir dennoch Ihnen folgendes Szenario auszumalen: Cinderella schafft dank der Hilfe vieler lieber Freundinnen (Täubchen) ihre Arbeit schneller als gedacht. Sie huscht zum Grab ihrer Mutter und lässt sich durch Zauberkraft ein wunderschönes Kleid schenken, schlüpft mit ihren Kinderfüßen in die dazu passenden Schuhe und zischt auf eine Party des Prinzen. Ihre bösen Stiefschwestern redeten die letzten Wochen von nichts anderem. Prinz hier, Prinz da – wer wird wohl seine Frau? Cinderella wittert ihre Rettung, was sonst wäre ihr guter Grund ausgerechnet auf die angesagteste Party zu gehen und sich einem Fremden an den Hals zu schmeißen?!

Der Prinz soll sich nun endlich vermählen. Er kann sich dem Druck seiner Verwandtschaft kaum noch widersetzen. Deshalb schmeißt er mit Prunk und Pomp ein Riesenfest und eine Champus-Runde nach der nächsten. Von allen Seiten des Reiches strömen die Menschen herbei, um das unfreiwillige Alphatierchen zu bestaunen und ein Stück vom Kuchen abzubekommen oder vielleicht sogar einen Trauring an den Finger.

Zwischen all den Schleimern taucht plötzlich Cinderella auf. Schüchtern und unerfahren hält sie vermutlich den Kopf ein bisserl schief und lächelt unschuldig und weltverloren. Als Mädchen mit Moral und Disziplin verschwindet sie Punkt Mitternacht. (Un)glücklicher Weise verliert Cinderella dann noch einen Schuh. Im Prinzen erwacht Jagd- und  Retterinstinkt synchron.

Ein Tanz mit Cinderella hatte dem Prinzen genügt, um mit seiner hohen kognitiven Intelligenz Schwächen und Stärken der unbekannten Schönen abzuchecken

Auch er wittert seine Chance, dem blöden Gerede zu entkommen und mit der unbekannten Schönen der Presse das Maul zu stopfen. Jetzt muss er schnell handeln, damit daraus (s)ein Schuh wird.

Ach Wunder-voll da liegt er ja, auf der Treppe im Mondlicht – fast wie im Märchen. Wer sich diesen Schuh anziehen kann, dem passt er auch. Den Rest kennen alle: und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute – glücklich und zufrieden. Wir finden sie auf jedem Hochglanzmagazin.

… und später landen sie dann in Frauenhäusern, beim Weißen Ring oder bei uns – Narz mich nicht.

Was Cinderella, Jesus und alle anderen gemeinsam haben? Das Bedürfnis nach Liebe. „Liebe deinen nächsten wie dich selbst.“ Oder anders ausgedrückt: Liebe dich selbst, bevor du dich an deinen nächsten ausprobierst.

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2 Kommentare

Henning Glasmacher · 14. März 2022 um 18:22

Hallo Dirk, wir haben Deinen Beitrag gelesen und es ist nicht leicht nachzuvollziehen.

Der Feminismus war wichtig für unsere Gesellschaft, die Märchen haben wohl dazu beigetragen. Weshalb heute wieder die Werte von damals vermittelt werden liegt auf der Hand. Wir entwickeln uns zurück. Durch den vielen Konsum und Information verlieren wir den Bezug zur Realität, daraus folgt das eben solche „Werte“ wieder in den Fordergrund rücken, was durchaus schwer nachvollziehbar ist.

Unsere Gesellschaft orientert sich heute nicht mehr an den tatsächlichen Werten, sondern an denen die von außen zu uns kommen. Das lässt auch die heutige Jugend völlig verunsichern, weshalb heute Hoodies und verdeckte Menschen das Resultat sind.

Welche Werte sind dann noch real und haben den Wert den sie haben sollten?

Aber wir dürfen es anders leben und vorleben, damit können wir vielleicht etwas bewirken.
Ein Versuch ist es Wert!

Liebe Grüße, Henning

Dirk Winkelmann · 12. März 2022 um 10:52

Wenn denn unserer Generation weiss gemacht wurde, durch erdulden werden wir befreit
und heute durch neue Märchen erklärt wird dass Mädchen sich selbst befreien,
Warum startete der Feminismus irgendwann um 1900, erreichte die 68er Generation viel, wenn auch nicht alles
und heute kommen „Werte“ wie „Ich hebe mich bis zur Hochzeit auf“, „er unterdrückt und misshandelt mich, aber ich liebe ihn doch“
Das kann ich nicht oder extrem schwer nachvollziehen

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