Warum nicht nur Kinder Märchen brauchen oder.. von bösen Wölfen, guten Feen, schrecklichen Monstern und Märchenprinz(essinn)en

Das Universelle an Geschichten, Märchen, Sagen, Legenden und Mythen wurde im ersten Blog-Beitrag von Eva Nikolov-Bruckner schon erwähnt. Es scheint sich weltweit ein bestimmtes Muster an Geschichten durch alle historischen Epochen, aber auch durch alle Kulturen der Welt zu ziehen. Vielfach waren Legenden, Mythen und (Helden-)Epen auch die einzige Form der „oral history“, also einer mündlichen Überlieferung. Diese Form hat sich inzwischen zu einem eigenen Wissenschaftszweig entwickelt

So wurde Erinnerung lebendig gehalten und so konnte auch vieles von dem, was zur Identifikation eines Stammes, einer Ethnie, einer Kultur beitrug am Leben erhalten werden. Vor allem Gründer- und Heldenepen hatten damit auch die zusätzliche Funktion, die eigene Abstammung mit einem meist heldenhaften Stammvater- oder einer Stammmutter zu verknüpfen. Das gab Halt und damit auch Zusammenhalt. Gemeinsame Symbole standen für die eigene individuelle aber auch die kollektive Identität. Man war also ein Teil eines Größeren, einer übergeordneten Gemeinschaft; eine Überlebensnotwendigkeit auf der physischen wie auch auf der psychischen Ebene.

Wichtigkeit von Bildern und Symbolen

Wie wichtig hier entsprechende Bilder und Symbole sind, die diesen Zusammenhalt und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe durch bestimmte Darstellungen festigen, sieht man bis heute an den Nationalflaggen. Sie spiegeln sich in deren Farben, Bildern und Symbolen. Gerade jetzt,  am Anfang des 21. Jahrhunderts holen uns die ungesunden Auswüchse von „Nationalbewusstsein in geradezu erschreckender Weise wieder ein. Dabei ist der Begriff „Nation“ noch ziemlich jung. Er war eigentlich erst im 19. Jahrhundert in dieser Form, wie er heute verwendet wird, aufgekommen. Hier sei wieder darauf verwiesen, wie eng die Begriffe von Geschichte (als Erzählungen) und Geschichte (als Historie) miteinander verknüpft sind. In manchen Sprachen sind die beiden Begriffe (fast) identisch (in Deutsch, aber auch Französisch; und auch im Englischen ist in „history“ der Begriff „story“ enthalten, was auch zur (aus meiner Sicht sehr gerechtfertigten) Frage nach der „her story“ geführt hatte.

Geschichte oder Märchen?

Nun zeigt es sich, dass man vor allem im Deutschen die Begriffe Geschichte und Märchen in dem Sinne auseinanderhalten möchte, als man Geschichten mehr wertneutral ansieht und man den Begriff Märchen eher auf Geschichten für Kinder verwendet. Wodurch man ihnen damit aber auch teilweise den „ernst zu nehmenden“ Gehalt abgesprochen hat. Da sie ja „nur“ für kleine Kinder gedacht waren, also in das Reich der Phantasie (von Kindern) abgedrängt wurden. Als „Kinderkram“ stellen sie oftmals etwas nicht „ernst zu Nehmendes“ dar.

Vor allem gilt das aus der Sicht einer strengen Trennung von Erwachsenen- und Kinderwelt, ebenfalls einer Erfindung des 19. Jahrhunderts. Damals hatte diese Trennung auch dazu beigetragen eine Form von „schwarzer Pädagogik“ hervorzubringen. Diese ging davon aus, dass das kindliche Gemüt grundsätzlich realitätsfremd, aber auch unreif, von Phantasien geprägt, „primitiv“, öse und ungeformt und jenseits der „echten, realen Welt“ der Erwachsenen anzusiedeln sei. Auf die tiefer liegenden, symbolischen Inhalte der Märchen wurde bis ins beginnende 20. Jahrhundert kaum Wert gelegt. Sie wurden oftmals als reine Unterhaltung, aber auch als Disziplinierungs-Instrumente für Kinder eingesetzt.

Kinder  erschrecken und ängstigen

Märchen, mit denen Kinder erschreckt und geängstigt wurden gibt es (nicht nur im deutschen Sprachraum) unzählige. Vor allem die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm triefen nur so von Blut, Gewalt, Grausamkeit und furchterregenden Figuren (wilde Tiere, Hexen, Dämonen, Zauberer, böse und gute Feen usw.. Dennoch, die Märchen haben bis heute ihre Faszination und Magie nicht verloren. Sie liefern den Stoff für Kassenschlager in Hollywood und Bollywood. Dabei bedienen sie sich ganz bestimmter Erzählmuster: zB. Hollywood – „der amerikanische Held rettet im Alleingang die Welt vor dem Untergang durch böse Mächte… „  also die Brüder Grimm lassen grüßen. Oder in Bollywood: „Der Held küsst die schlummernde (passive) schöne Prinzessin wach- und sie landen entgegen der gesellschaftlichen Konvention der „arranged marriage“ in einer sogenannten „Liebesehe“.

Die sogenannten Märchen für Erwachsene waren und sind nach wie vor in vieler Hinsicht Kassenschlager. So wie heute im Film dargestellt, wurden sie seinerzeit, vor der Zeit der bewegten Bilder, als kunstvolle Erzählung. Vielfach wurden auch die Figuren und das Geschehen rund um sie als Bühnendarstellung aufgeführt, von echten SchauspielerInnen, oder auch in den verschiedenen Formen des Puppentheater – Marionetten, Schattenspiele, oder auch als das berühmte „Kasperltheater“ und in vielen anderen Formen und Settings.

Märchen in Psychotherapie und Psychoanalyse

Mit dem Aufkommen der Psychoanalyse im beginnenden 20. Jahrhundert begann sich auch die westliche Kultur mit dem Wert und Gehalt von unbewussten Inhalten wieder auseinander zu setzen. Aber schon lange zuvor gab es in fast allen Kulturen viele Formen Unbewusstes, oder Teilbewusstes zu verschiedenen „rituellen“ Heilungszwecken einzusetzen. So gesehen hat Freud nur etwas wiederentdeckt, was zu seiner Zeit in der Welt der „Erwachsenen“ (damals ausschließlich erwachsene Männer) keinen Platz hatte.

Bruno Bettelheim, ein Psychoanalytiker, der sich vorrangig mit Kinder-Psychoanalyse beschäftigt hatte, arbeitete im Rahmen seiner Praxis und Forschungsprojekte mit der wichtigen Rolle von Märchen für die kindliche Entwicklung. Die Fähigkeit, sich von Geschichten und Erzählungen „verzaubern“ zu lassen, ist eine wichtige Kompetenz, die nicht nur im künstlerisch-kreativen Bereich das Leben bereichern kann.

Bettelheim (und inzwischen viele andere Autoren, Psychologen, Analytiker) betonen dessen Ansicht, dass in den Märchen eine tiefe sinnstiftende Kraft steckt, die uns alle in unserer Entwicklung unterstützen kann. Das Märchenerzählen wird in vielen Kulturen als ein eigenes Kunstgenre angesehen. Nicht umsonst ist es vor allem in östlichen (asiatischen) Kulturen eine Kunstform, die bis heute praktiziert wird. Und was sonst ist die heutige Filmindustrie mit ihren Streamingdiensten, als ein reiches Repertoire an Geschichten, die je nach Geschmack unterschiedlich vorgeführt werden.

Kinder brauchen Märchen

In einer sehr treffenden Beschreibung zu Bettelheims Hauptwerk „Kinder brauchen Märchen“ heißt es wörtlich… „ Bettelheims Deutungen sind wie ein plötzliches Scheinwerferlicht auf eine im Dunkeln liegende Landschaft….. wer bis dahin nur unbewusst ahnend dem Märchen die Treue gehalten hat, sieht sich bestätigt. All jene aber, die das Märchen abzumildern, umzumodeln oder neu zu deuten versuchen, sollten sich mit diesem Werk auseinandersetzen…. (Zitat: Münchner Abendzeitung).  Bettelheim, der den Märchen eine intrinsische Kraft zuschreibt, eine Wirkung von innen her, verwehrt sich allerdings reine Unterhaltungsgeschichten in die gleich Kategorie wie die Märchen einzureihen. Das wäre für ihn zu kurz gegriffen. Vielmehr würden Mythen, Legenden und eben Märchen die Inhalte bieten, aus dem sich Kinder für’s Erste den Stoff für eine Auffassung von Ursprung und Absicht des Weltgeschehens „zimmern“ würden.

Wo komm ich her, wo gehe ich hin?

Auch unsere letzten Fragen, wie: Wo komm ich her, wo gehe ich hin -… werden durch Geschichten, Erzählungen, Mythen und Legenden genährt. In vielen Metaphern wird dabei der eine oder andere Anstoß für den eigenen Lebensweg aufgezeigt. Die aus der irischen Mythologie stammende Legende von der Gralssuche (des Parzival) birgt in sich die Geheimnisse einer Reise zu sich selbst (Selbstfindung im Symbol des heiligen Grals). So drehen sich viele Märchen und Geschichten rund um das „Ausziehen“ aus dem bequemen, gewohnten Zuhause, um in einer langen beschwerlichen Reise schlussendlich sich selbst zu finden. Auf dieser langen Reise (eine Metapher für das eigenen Leben) kommt es dabei immer wieder zu verschiedenen Begegnungen mit unterschiedlichen Wesen – guten, bösen, nützlichen, schädlichen, gefährlichen und glückverheißenden.

Und mit einigen dieser uns hier begegnenden Figuren wollen wir uns demnächst näher beschäftigen,  mit Drachen, Wölfen, Dämonen und sonstigen „Ungeheuern“, und was sie uns auf einer höheren Ebene sagen – dazu mehr im nächsten Beitrag.

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