Bitte versetzen Sie sich einmal kurz in die Lage eines Richters oder einer Richterin an irgendeinem beliebigen Familiengericht in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Auf Ihrem Schreibtisch stapeln sich mühselige Fälle hochstrittiger Eltern. Die nächste Verhandlung beginnt. Wieder sitzen vor Ihnen sich gegenüber zwei weitere Exemplare mehrfach studierter Menschen, unfähig sich auf Elternebene zu einigen. Beide werfen sich auf die eine und andere Art gegenseitig vor, krank zu sein.

Hysterisch krank oder narzisstisch krank.
Krank durch die Rechtsprechung?

Auf der einen Seite ein Mann, der auffällig teuer gekleidet, sehr eloquent und charmant rüberkommt. Vermutlich der Vater. Auf der anderen Seite dem zufolge die Mutter. Gut gekleidet wirkt sie im Vergleich zum Vater deutlich angespannter. Ihre Augen Ringe verraten schlaflose Nächte. Vielleicht ist sie auch überarbeitet. Aber das wäre noch keine Krankheit. Sie arbeiten schließlich auch viel. Bei Gelegenheit wollen Sie auch Ihre Augenringe überprüfen.

Ihnen gegenüber sitzt der ganze große Stab an Jugendamt-Mitarbeiterin, Verfahrensbeistand, Umgangspfleger und psychologischer Gutachter. Letzteren hatte bereits Ihr Vorgänger beauftragt. Oder war es schon der vorvorletzte Richter? Ihnen ist der ganze Fall ein Greuel. Sie sind nun schon der dritte Richter, der dieses in die Länge gezogene verfahrene Verfahren auf seinem Schreibtisch hat. Das ist krank. Seit vier Jahren streiten sich die Eltern um das Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht ihrer gemeinsamen Tochter.

„Ich fasse es in einem Wort zusammen: Wahnsinn.“

Mit diesen Worten eröffnen Sie die Verhandlung und versuchen, die angespannte Situation ein bisschen aufzulockern oder Ihrem eigenem Ärger darüber Luft zu machen. Es liegt ein endlos langes Gutachten vor von über hundert Seiten, das mehr schlecht als recht ist. Schon beim Lesen bekamen sie Magenkrämpfe. Dennoch ist dieses Gutachten die einzige Entscheidungshilfe, die Ihnen Ihr Vorgänger vererbt hat. Ganz offensichtlich war ihm das auch keine wirkliche Hilfe.

In diesem Gutachten geht der Gutachter ausufernd auf den vorsichtig geäußerten Vorwurf der Mutter ein, der Vater sei krank. In Wahrheit ist aber wohl eher die Mutter krank, weil es allein schon krank sei, Sorge zu haben, der Vater sei krank. Nur zu befürchten, der Vater sei krank, macht also die Mutter krank, weswegen das Kind schon ganz krank ist. Wer genau ist jetzt eigentlich krank?

Und jetzt sollen Sie eine Entscheidung zum Wohl eines Kindes treffen,
das Sie noch nicht einmal gesehen haben

Seine Eltern kennen Sie erst seit zehn Minuten.

Zum zigsten Mal verfluchen Sie Ihre Berufswahl innerlich. Sie lassen der Mutter zuerst das Wort. Sie hat sich gut vorbereitet. Berührend erzählt sie von ihrer Beziehung zu ihrer Tochter, die sie viel zu selten sehen darf. An irgendwen erinnert Sie diese Frau. Doch dann schwafelt sie irgendetwas über Persönlichkeitsstörungen und Narzissmus.

Ist Eitelkeit nun auch schon eine Krankheit?

Es wird ja immer besser. Was zum Henker hat Narzissmus mit dem Wohl von Kindern zu tun und wieso hat diese Frau so große Angst um ihr Kind? Hat sie ernsthaft Sorge, die Tochter könnte sich zu oft im Spiegel betrachten?

Sie lassen den Vater sprechen. Der hält sich kurz und knapp. Alle seine Argumente zielen gegen die Mutter oder das Jugendamt. Der Auftritt der Mutter müsse doch Ihnen als Richter genügen, um zu sehen, wie krank seine Exfrau sei. Weil sie nicht so oft in den Spiegel schaut? Der Fall wird absurd.

Der Verfahrensbeistand hält sich bedeckt. Das kennen Sie schon von anderen Gerichten. Im Grunde sind diese selten eine wirkliche Hilfe. Das Jugendamt kann sich zu diesem Verfahren ebenfalls nicht wirklich äußern, da es das Mädchen niemals selbst gesehen hat. Irritiert fragen Sie, wieso. Die Antwort klingt logisch. Weder die Schule noch die Nachbarn hätten sich über den Vater beschwert.

Da das Mädchen keine blauen Flecken hat und auch von sexuellen Übergriffen nichts bekannt ist, folgert das Jugendamt,
dass alles in Ordnung ist

Wozu dann bitte dieser ganze Menschenauflauf? Sie wägen ab, diese Frage laut zu formulieren. Lassen es aber. Was für eine Ressourcenverschwendung für nichts. Wirklich nichts?

Schließlich meldet sich der Gutachter zu Wort und rechtfertigt sein endlos langes Gutachten mit dem Engagement der Mutter gegen Narzissmus. Er diagnostiziert wortgewandt und phrasenreich, was für ein toller Gutachter er sei. Dass es ihm, Dank seiner Menschenkenntnis und der jahrelangen Erfahrung mit schwierigen und verlogenen Frauen innerhalb von nur fünf Minuten möglich ist, diese zu entlarven.

Kurz fragen Sie sich, wieso er dann für sein Gutachten über zwei Jahre gebraucht hat. Aber da ohnehin in diesem Fall alles unstimmig scheint, macht das den Braten auch nicht mehr fett. Sie denken an Ihr Abendessen im Kreise Ihrer Familie.

Gott sei Dank ist bei Ihnen zu Hause die Welt noch in Ordnung

Spätestens jetzt wird Ihnen klar, dass diese Verhandlung nicht nur eine Stunde dauern wird. Der Gutachter diagnostiziert der Mutter, schizophren zu sein und unter Wahnvorstellungen zu leiden. Darf er das eigentlich? Der Gutachter ist doch gar kein Arzt. Wieso gibt es eigentlich nur schlechte Gutachter? Schlechtachter. Sie schmunzeln über Ihren Wortwitz. Man muss nehmen, was man kriegen kann. Vermutlich dachte sich das auch Ihr Vorgänger.

Außer einer Nervosität bei der Mutter, können Sie keine Anzeichen dafür sehen, dass diese Frau schwer krank oder hochgradig gefährlich ist. Der Gutachter wendet ein:

„Die Mutter projiziert ihre Angst auf das Kind und
entfremdet es dem Vater.“

Bindungsintoleranz. Da mag etwas dran sein. Aber wieso hat diese Frau so Angst um das Wohl ihres Kindes, wenn es doch gar keine Anzeichen für Gefahr gibt? Sie fragen den Vater, was er zum psychischen Zustand seiner Exfrau meint. Der enthält sich seiner Stimme. Das finden Sie sympathisch, aber irgendwie auch seltsam. Sie werden aus dem Verfahren nicht schlau. Es ähnelt nur so schrecklich vielen anderen Fällen, die immer mehr werden und sich wie eine glühende Lava durch die Gerichtssäle Mitteleuropas ziehen.

Ihre Kollegen berichten allerorts das Gleiche

Wer ist krank? Wer ist wirklich krank? Vielleicht ist die Mutter wirklich krank? Vielleicht ist aber auch der Gutachter krank? Er wirkt sehr schwul. Aber schwul ist keine Krankheit, rügen Sie Ihren gedanklichen Fauxpas. Natürlich nicht. Aber Sie fragen sich schon, ob ein homosexueller Gutachter heterosexuelle Elternteile begutachten sollte.

Möglich wäre auch, dass es mit der narzisstischen Persönlichkeitsstörung des Vaters irgendetwas auf sich haben könnte. Wie lässt sich das feststellen?

Der Gutachter hat ganz deutlich gemacht:

Wer narzisstische Persönlichkeitsstörung ausspricht, hat selbst eine

Auch eine gewagte These, finden Sie. Das hieße im Umkehrschluss, dass man z. B. Diebe nicht anzeigen kann, weil man dann selbst einer ist…

Sie müssten sich unbedingt einmal das Kind anschauen. Möglicherweise ist ja auch das Kind krank. Bei den Eltern wird es das früher oder später sowieso. Insbesondere wenn das Verfahren noch ein paar Jahre länger dauert. Aber dafür können Sie schließlich nichts. Ihre Vorgänger hätten da längst eine Entscheidung treffen müssen. Ob Sie Ihren Beschluß später mit dem Kontinuitätsprinzip rechtfertigen können, wenn im Grunde das Gericht verantwortlich für die Verschleppung des Verfahrens ist?

Nach vier Stunden Verhandlung sind Sie sich nicht mehr wirklich sicher, ob nicht vielleicht Sie selbst krank sind oder das System, für das Sie arbeiten. Dieser Gedanke frustriert Sie.

Als junger Mann wollten Sie unbedingt Richter werden,
um die Welt zu verbessern

Sie wollten richtig stellen, was falsch lief. Nach einem viertel Jahrzehnt in Amt und Würden und der zigsten Verhandlung um Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht zum Wohl eines fremden Kindes, wünschen Sie sich nur sehnlichst endlich Ihren Ruhestand herbei.

Soll sich Ihr Nachfolger mit der Frage beschäftigen: Wer ist wirklich krank und was macht unsere Gesellschaft so krank? Und damit vertagen Sie die Verhandlung auf einen späteren Zeitpunkt. Schließlich wartet vorm Gerichtssaal der nächste komplizierte Fall.

WICHTIG: Die geschilderte Situation kann auch mit einem empathischen Vater und einer narzisstischen Mutter stattfinden. Narzissmus ist geschlechtsneutral. Zum Thema narzisstische Mütter finden Sie auf unserer Seite und auch unter gofeminin u.a. diesen Gastbeitrag von uns.

Weitere Blogbeiträge, die Sie interessieren könnten:

Mediation zwischen Narzissten und Coabhängigen

Das (deutsche) Rechtssystem und der Narzissmus

Zum kostenlosen Fragenkatalog kommen Sie über diesen Link.

Anwälte & Profiler, die sich mit Narzissmus vor Gericht auskennen, finden Sie unter Kooperationspartner:innen.

Wenn Sie Narzmichnicht© etwas spenden möchten, freuen wir uns sehr.


5 Kommentare

Ines · 27. Juni 2021 um 17:37

Liebe Regina,ich habe Ihren o.g Beitrag gelesen und bin fassungslos, wie Sie das auf den Punkt gebracht haben und kann Ihnen absolut zustimmen!!

Ich bin selber Tochter (56 Jahre) einer narzisstischen Mutter und mir hat auch niemand geglaubt. Allerdings bin ich froh, daß es inzwischen diverse Angebote und Unterstützung für Narzissmus-Opfer gibt. (Wobei mir auch hier oftmals die Hilfe für Familienangehörige fehlt, die mit der Situation komplett überfordert sind!!).

Umso erschreckender ist es jetzt für mich, daß mein Sohn gerade eine Narzisstin (schwanger) geheiratet hat. Ich mache mir die größten Sorgen um meinen Enkel. Leider habe ich bereits in vielen persönlichen Gesprächen und Recherchen ebenfalls erfahren müssen, daß die offiziellen Behörden nicht so wirklich das Interesse haben, sich mit dem Thema Trennung/Narzisstisches Elternteil und die damit folgenden psychischen Probleme der Kinder auseinanderzusetzen (Von der richtigen Schreibweise mal ganz abgesehen!!).

Da viele Richter, Gutachter und Psychologen teilweise selber narzisstische Züge in sich tragen, ist das wohl auch gar nicht gewollt. Ich finde es wirklich fatal, daß den Kindern und nicht narzisstischen Elternteilen nicht geglaubt wird. Jeder, der diese Erfahrung gemacht hat, leidet schmerzhaft darunter.

Ich möchte mich ganz herzlich für Ihre wirklich informative Webseite bedanken, die mir sehr geholfen hat!!

Erst wenn sich Menschen wie Sie dafür einsetzen, diese Thematik mehr und mehr öffentlich zu machen, ist es vielleicht möglich, den Tätern/innen rechtliche Konsequenzen aufzuzeigen.

Da ist uns Frankreich bereits einen Schritt voraus, hier wird (kann) psychischer Missbrauch mit 3 Jahren Haft bestraft werden. (Auch hier kann wohl nur bewiesen werden, was ein im Thema involvierter Richter, Gutachter, etc. rechtssprechen will und kann.

Herzlichen Dank!

Elisabeth Schrott · 17. Juni 2021 um 7:14

Dieser Blog macht mich betroffen. Ich glaube, man hätte das Dilemma eines/r Richters/in nicht anschaulicher beschreiben können, als in dessen Haut zu schlüpfen und durch dessen/ihre Brille versuchen zu schauen. Verständnisvoll für den Menschen dahinter und dennoch die Unmöglichkeit des Urteils auf dieser Basis bzw. ein gerechtes Urteil zu fällen, aufzeigend. Nur, es ist dennoch erwartbar, dass ein/e Richter/in sich in ihrem Beruf oder gar Berufung weiter bildet und sich des Umstandes bewusst ist, wie weit tragend die Entscheidung für alle sein wird. Es geht eben nicht nur darum, den Fall zu erledigen! Es geht immer wieder ums Hinterfragten. Hinterfragen beim Gutachter ( die Assoziation des Schlechtachter finde ich übrigens köstlich) worauf er sein Gutachten stützt und was er dem zu Grunde legt. Es lässt sich keine Arbeit ersparen, indem man wesentliche Erkenntnisse auslagert, welche der/die Richter/in von anderen herbei schaffen lässt. Das Urteil entsteht aus vielen Komponenten und immer gilt es am Ende die eigenen Wahrnehmungen mit hinein zu nehmen, hinter denen man selbst stehen kann, und so im besten Wissen und Gewissen das Urteil zu sprechen. Ohne nachzufragen, nachzubohren und sich zu bilden, welche Erkenntnisse inzwischen in anderen Fälle aufgetaucht sind, wird es nicht gehen. Es krankt daran, es nicht zu tun und wenn ich es weiter betrachte, ist jedes Urteil, wo derjenige, welcher es ausspricht, mit verantwortlich, dass durch ihn Krankheit entsteht, seelisch und körperlich bei allen Beteiligten, doch ausschlaggebend bei dem Kind, über dessen Kopf hinweg Entscheidungen getroffen werden, welche weit entfernt vom Kindeswohl sind.

Strahmann · 10. Juni 2021 um 12:28

Krank zu sein kann nur ein Arzt feststellen. „Sie sind krank „ ist eine sehr subjektive Meinung, die sehr herablassend wirken kann, selbst wenn es stimmt. Man muss sich schon sehr sicher sein. Und was bringt es sowas zu behaupten? So lange bei dem Betroffenen der Leidensdruck nicht hoch genug ist, wird er sich nicht in Therapie begeben.
Diese gegenseitigen Vorwürfe sind schon sehr destruktiv und contre-productiv. Es sollte möglich sein, das Verhalten des anderen zu verdeutlichen, ohne ihn zu verletzen (mit der Bezichtigung der Krankheit)

    Regina Schrott · 11. Juni 2021 um 6:03

    Ja, es ist über- und untergriffig. Leider überschreiten Gutachter oft ihre Kompetenz in diesem Bereich. Psychologische Gutachter sind keine Ärzte! Sie dürfen keine Diagnosen über Persönlichkeitsstörungen, Depression, Schizophrenie stellen. Aber sie nehmen sich oft dieses Recht heraus und beeinflussen dadurch die Entscheidung von Richter:innen am Gericht, in dem sie Zweifel am empathischen Elternteil säen. Ihretwegen kommt es zu verheerenden Beschlüssen, die absolut nichts mit Kindswohl zu tun haben. Im Gegenteil meistens schafft der narzisstische Elternteil hoch manipulativ die alleinige Sorge um sein/ihr eigenes Wohl.

    Wir kämpfen für die Begutachtung und Überprüfung von Psychologischen Gutachtern und deren Gutachten. Darüber hinaus engagieren wir uns für ein Rechtssystem, das psychische Gewalt unter Strafe stellt, wie in anderen europäischen Ländern (Irland, Frankreich u.a.) und Amerika bereits schon lange üblich.

Bianca Hübner · 10. Juni 2021 um 10:08

Ein sehr schöner Beitrag und ja ich habe mir auch mal vorgestellt wie es ist zwei Menschen da zu sitzen haben und reder erzählt seine Geschichte und nichts ist übereinstimmend! Selbst als ehrenamtliche Mitarbeiterin muss ich auch genauer zuhören wer und wie was meint und wer sich nicht auskennt denkt auch alle sind krank! Ich musste auch drum kämpfen um zu zeigen das ich eine gute Mutter bin… und die Rechtfertigung waren Seitenweise einzulesen… obwohl man sich nicht rechtfertigen muss. Es ist immer jedes Urteil und jedes Gericht für mich eine Lehre gewesen! Aber es ist eben die Aufgabe im Leben zu wissen was gut und schlecht ist. Lg Bianca

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.