Es gibt in der persönlichen Weiterentwicklung einen Punkt, der von vielen Seminaren, Coachings und spirituellen Versprechen elegant umschifft wird: die eigene Familie. Für Menschen, die in narzisstisch geprägten Familiensystemen aufgewachsen sind, ist sie nicht Ursprung von Geborgenheit, sondern der Endgegner. Darum handelt dieser Artikel von Regina Schrott -Gründerin von Narz mich nicht® auch vom absoluten Endgegner Familie – Narzissmus, Spiritualität, persönliche Weiterentwicklung.

Nicht, weil Familie per se „böse“ wäre – sondern weil sie der Ort ist, an dem Identität, Selbstwert und Bindungsmuster geprägt wurden. Wer sich später mit Narzissmus, Trauma und Beziehungen auseinandersetzt, landet unweigerlich dort, wo alles begann.

Dieser Beitrag verbindet fachliche Perspektiven auf Narzissmus in der Familie mit einer sehr persönlichen Entwicklungsreise: 13 Jahre Psychotherapie, ein Umweg über Indien und die spirituelle Szene – und ein Happy End, das nichts mit Versöhnung um jeden Preis zu tun hat.


Narzissmus in der Familie: Der unsichtbare Ursprung

Narzisstische Beziehungen beginnen selten erst in der Partnerschaft. Sie beginnen oft in der Herkunftsfamilie. Nicht immer offensichtlich, nicht immer laut – aber wirksam.

Typische Merkmale narzisstischer Familiensysteme sind:

  • Liebe ist an Leistung, Anpassung oder Loyalität gekoppelt
  • Gefühle des Kindes werden relativiert, ignoriert oder umgedeutet
  • Grenzen gelten als Illoyalität
  • Rollen (starkes Kind, angepasstes Kind, schwarzes Schaf) ersetzen echte Beziehung

Kinder lernen früh: Ich bin richtig, wenn ich funktioniere. Diese Prägung wirkt später in Partnerschaften, im Beruf und selbst in therapeutischen oder spirituellen Kontexten weiter.


Persönliche Weiterentwicklung: Warum viele Wege hier scheitern

Viele Betroffene beginnen ihre persönliche Weiterentwicklung mit der Frage:

„Was stimmt nicht mit mir?“

(Verhaltens)Therapie, Coaching und Selbstoptimierung setzen häufig am Individuum an – und übersehen das System, aus dem dieses Individuum hervorgegangen ist. Auch ich habe diesen Weg gewählt. Insgesamt 13 Jahre Psychotherapie in unterschiedlichen Varianten. Ich habe die im wahrsten Sinn des Wortes ver-rücktesten Methoden ausprobiert, um mich… ja, was uneigentlich? Jepp, genau, mich anzupassen, zu begreifen, was an mir nicht stimmt.

Jede dieser Methoden war sinnvoll. Keine davon war falsch. Aber lange Zeit fehlte ein entscheidender Perspektivwechsel:

Nicht das Symptom ist das Problem – sondern das System, in dem es Sinn gemacht hat.


Indien und die spirituelle Szene: Heilung oder Umgehung?

Irgendwann erschien Psychotherapie zu langsam, zu westlich, zu rational. Indien wurde zum Sehnsuchtsort: Meditation, Ashrams, spirituelle Lehrer, Ego-Auflösung in der Badewanne eines selbsternannten Supergurus. Es war wirklich ekelhaft, aber ich wollte so unbedingt heilen, richtig werden, wo mir doch eingetrichtert wurde, falsch zu sein.

Die spirituelle Szene verspricht viel – gerade für Menschen mit Bindungstraumata:

  • bedingungslose Liebe
  • Auflösung von Schmerz
  • Transzendenz statt Konfrontation

Doch hier liegt eine Gefahr, über die kaum gesprochen wird: Spiritual Bypassing (das Vermeiden unangenehmer Gefühle oder tieferer psychologischer Probleme durch den übermäßigen oder falschen Einsatz spiritueller Praktiken und Konzepte, wie z.B. toxische Positivität, um sich nicht mit dem eigenen Schmerz auseinandersetzen zu müssen)

Für Menschen aus narzisstischen Familiensystemen kann Spiritualität unbewusst das alte Muster fortsetzen:

  • (weitere) Anpassung statt (notwendiger) Abgrenzung
  • (Fremd)Vergebung statt Selbstschutz
  • Schweigen statt Wahrheit

Der Endgegner Familie bleibt dabei unangetastet – nur schöner verpackt und gilt als Schmerztattoo auf der eigenen Seele.


Der Wendepunkt: Wenn Therapie ehrlich wird

Erst spät kam der entscheidende Satz:

„Sie haben Ihre Mutter geheiratet.“
(über 70% unserer Klient*innen hatten eine narzisstisch akzentuierte Mutter in ihrer Kindheit)

Das ist in vielerei Hinsicht ein Tabubruch. Denn unsere Gesellschaft hält am Mythos Familie (insbesondere jener der Mutter) fest – selbst dann, wenn sie nachweislich schadet. Doch persönliche Weiterentwicklung ohne diesen Realitätsabgleich bleibt oberflächlich.

Ab diesem Punkt veränderte sich alles:

  • Die Schuld bzw. die Verantwortung wanderte zurück an den Ursprung
  • Grenzen wurden nicht mehr erklärt, sondern gesetzt
  • Kontakt wurde optional, nicht verpflichtend

Der Endgegner Familie – psychologisch betrachtet

Der eigentliche Kampf findet nicht im Außen statt, sondern im Inneren:

  • Darf ich mich abgrenzen, ohne herzlos zu sein?
  • Bin ich undankbar oder endlich ehrlich?
  • Ist Kontaktabbruch Versagen oder Selbstfürsorge?

Diese Fragen tauchen bei fast allen Menschen auf, die sich mit Narzissmus in der Familie auseinandersetzen. Es gibt darauf keine pauschalen Antworten – aber eine klare Richtung: Selbstverrat heilt nichts!


Verbindung zum Roman „Ich bin Echo“

Viele dieser Themen finden sich literarisch verdichtet in meinem Debut-Roman „Ich bin Echo“ wieder. Echo steht sinnbildlich für das Kind, das gelernt hat zu reagieren statt zu sein, zu spiegeln statt zu fühlen.

Der Roman erzählt – jenseits von Fachbegriffen – die innere Logik narzisstischer Familiendynamiken:

  • das Verschwinden der eigenen Stimme
  • die Verwechslung von Liebe und Anpassung
  • den langen Weg zurück zur eigenen Wahrnehmung

„Ich bin Echo“ ist keine Abrechnung, sondern eine Einladung zur ehrlichen Selbstbegegnung, wie ich sie im Coaching mit meinen Klient*innen liebevoll trainiere. Eine Art Seelen-Fitness ohne jedem Druck oder bescheuertem Optimierungswahn.


Das Happy End: Freiheit ohne Illusion

Das Happy End dieser Geschichte ist kein harmonisches Familienbild. Kein spätes Einsehen. Keine spirituelle Erleuchtung.

Es ist leiser. Und stabiler:

  • innere Ruhe statt Rechtfertigung
  • Klarheit statt Hoffnung auf Veränderung anderer
  • Mitgefühl ohne Selbstaufgabe

Der Endgegner Familie wird nicht besiegt. Er verliert seine Macht, wenn wir aufhören, uns über ihn zu definieren.

Wie das konkret aussieht?

Ich habe akzeptiert, dass die Hälfte meiner Familie den Kontakt zu mir abgebrochen hat. Das war ein ziemlich sinnloses On-Off-Drama, das mit Sicherheit mein Interview bei gofeminin 2022 (mittlerweile erzwungener Weise aus dem Netz genommen) provoziert und leider zu keiner erwachsenen Auseinandersetzung auf Augenhöhe geführt hat. Ich sage nur: Heilige kann man nicht krisitieren. Und damit wurde endgültig und für mich für immer und zum letzten Mal der Hörer aufgelegt und ich blockiert wie unter Pubertierenden, als ließe sich damit Empathie neu definieren und schreiben.

Der essenziell wichtige Teil meiner Familie ist mir geblieben und ich liebe ihn über alles, auch, weil ich darüber den Teil meiner Ahnenreihe spüre, der mich weit über den Tod hinaus unterstützt. Den toxischen Teil, der durch Alkoholsucht und Kontaktabbrüche definiert war, lasse ich getrost los.

Auf diesen Teil kann ich guten Gewissens verzichten, weil dadurch so dermaßen viel Traurigkeit und Verwirrung über unsere Familie gekommen ist, dass sich sogar Freunde verstört und für immer abgewendet haben.

Ich habe lange gebraucht, zu begreifen, wieso. Aber so ist das nun einmal mit dem Engegner Familie – Narzissmus, Spiritualität, persönliche Entwicklung: es dauert, die Dynamik zu durchschauen. Und manchmal bedarf es der nächsten Generation – unserer Kinder – die das so sehr viel klarer sehen und uns erklären.


Fazit: Persönliche Weiterentwicklung beginnt an der Wurzel

Wahre persönliche Weiterentwicklung führt nicht zwangsläufig zu mehr Verbindung – sondern zu mehr Wahrheit. Manchmal bedeutet das Distanz. Manchmal Trauer. Immer Selbstachtung.

Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiederfinden, dann gilt:

Sie sind nicht kaputt. Sie sind nicht beziehungsunfähig. Und Sie sind nicht unspirituell.
Manche Kämpfe wurden uns vererbt.
Das Happy End besteht darin, sie nicht weiterzugeben.


Der Debut-Roman von Regina Schrott ist im EMPATHIE Verlag erschienen. Sie erhalten ihn direkt über den Verlag, über jede Buchhandlung im deutschsprachigen Raum und auch über Amazon

Hardcover: ISBN 978-3-911134-99-6
Softcover: ISBN 978-3-911134-11-8

Hier noch – als Ermutigung, ein Coaching bei Narz mich nicht für sich zu buchen – ein paar Rezensionen


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