Die Geschichte von Echo und Narziss ist ein kleines Kapitel aus dem großen Werk des römischen Dichters Ovid, das gerade in diesem Zusammenhang spannender Weise ausgerechnet “Metamorphose“ heißt.

Ich möchte diesmal nicht auf Narziss eingehen. Er beginnt mich selbst zunehmend zu langweilen. Echo berührt mich gerade auch im Zusammenhang mit meiner Arbeit mit meinen Klientinnen weit mehr. Ich widme Echo und ihrem Schicksal diesen Blogbeitrag.

Wer ist diese Echo?

Wer sind ihre Eltern? Wieso hatte sie dieses grausame Schicksal und was davon überhaupt hat sie selbst zu verantworten. Ein bisschen kommen selbst mir die Zweifel bezüglich Selbstverantwortung, wenn ich mir Echos Geschichte anschaue. Aber wahrscheinlich fehlte ihr einfach ein guter Coach an ihrer Seite, der ihr Wahlmöglichkeiten an die Hand hätte geben können. Echo war in ihrem Muster von Kindertagen an komplett gefangen.

Echo ist eine Nymphe. Nymphen sind weibliche Gottheiten, allerdings untergeordneten Ranges. Sie sind meist von unglaublichem Liebreiz und Schönheit, geheimnisvoll und hochsensibel. Die Götter schufen sie zu ihrem eigenen Zeitvertreib. Besonders der Vater aller Götter, Zeus, mischte bei der „Produktion“ seiner Wesen emsig mit und hatte ein großes Interesse an „Qualität“.

Es spielt sich mit Nymphen oft feiner als mit der eigenen Ehefrau. Damit die Ehefrauen nicht eifersüchtig wurden, versteckte man die Nymphen sicherheitshalber im Wald, bevorzugt an fließenden Gewässern, bei Bächen und an Quellen. Ihr mysthisches Wesen war besonders anziehend. Das glucksende Wasser in der Nähe, verriet nicht gleich die Lustschreie der Götter. Außerdem konnte man sich direkt waschen und die Freude (oder den Missbrauch) schnell beseitigen.

Gottvater Zeus liebte die Nymphen besonders. Er war kein Freund von Monogamie. Ganz im Gegenteil zu seiner Ehefrau, der Göttin Juno. Sie ist die Göttin der ehelichen Zucht und Sitte. Es passte ihr gar nicht, dass sich ihr Gemahl immer wieder mit Nymphen die Zeit vertrieb und so spionierte sie ihm nach.

Zeus, der keine Lust auf Ärger mit seiner Frau hatte und komplett uneinsichtig und unreflektiert war, was seine Vorliebe betraf, schickte Echo zu Juno mit der Bitte, seine Frau abzulenken.

Ich vermute, er tat es mit den Worten: „Baby, du bist meine allerschönste Gespielin im Reich. So jung und wunderwunderschön. Geh‘, sei so lieb, Baby, kümmere dich mal um meine Frau. Wär‘ doch echt schade, wenn wir zwei nicht noch viel mehr Zeit miteinander verbringen könnten.“ Mit einem Klaps auf den Po entließ er Echo zu einer für sie schicksalsschweren Mission.

Echo freute sich aber über die Pseudokomplimente von Gottvater Zeus – war ja auch nicht irgendwer, der sich an ihr vergnügte. Echo ging also brav folgsam mit leicht erregter Röte im Gesicht zur Muttergöttin Juno und lenkte sie ab. Gottvater Zeus vergnügte sich derweil bereits mit einer anderen Nymphe an einem sprudelnden Bächlein – meistes hatte er sowieso mehrere gleichzeitig am Start. Man gönnt sich bekanntlich sonst nichts.

Göttin Juno durchschaute das Spiel. Aber anstatt ihren Mann Zeus zu strafen – vermutlich hatte sie auch keine sonderliche Lust auf Stress mit ihrem Mann oder ein akzeptables Ehearrangement – bestrafte sie Echo. Sie verdrehte ihre Zunge und verfluchte sie mit einem Sprachfehler.

Fortan konnte Echo nicht mehr aus sich heraus reden und sich mitteilen

Sie war dazu verdammt, nur das Gesagte anderer zu wiederholen. Und bescheuerter Weise nicht nur einmal, nein! Echo musste die letzten Worte anderer immer zwei Mal hintereinander wiedergeben. Wie ein Papagei.

Damit blieb sie mit ihrer Meinung, mit ihrer Wahrheit, mit ihren Wünschen und Hoffnungen ihr Leben lang alleine. Niemand konnte je erfahren, was in ihrem Kopf vor sich ging. Niemand wusste um ihre wahre Geschichte.

Zeus vögelte weiter. Juno hatte sich also an einem naiven Ding gerächt und mittlerweile an den Frust gewöhnt. Sie spielte Golf oder Skat mit Freundinnen. Und Echo war mit ihrem Sprachfehler für Zeus natürlich uninteressant geworden.

Ein Dialog zwischen den beiden hätte sich vermutlich so abgehört:

Echo zu Zeus: nichts – sie musste ja warten, bis er was sagt, um ihn dann wiederholen zu können.

Demnach irgendwann genervt Zeus zu Echo: „Was willst du? Red doch schon.“

Echo: „Red doch schon. Red doch schon.“

Zeus: „Wieso plapperst du mich nach?“

Echo: „…plapperst du mich nach, plapperst du mich nach.“

Zeus: „Also wirklich, zum Vögeln warst du ja ganz nett…“

Echo: „ …du ja ganz nett, du ja ganz nett.“

Zeus: „Ich weiß, dass ich nett bin. Aber du bist ja total bescheuert.“

Echo: „…du bist ja total bescheuert, du bist ja total bescheuert.“

Zeus: „Verzieh dich, ich hab‘ echt Besseres zu tun.“

Echo verzog sich. Was sollte sie auch sonst tun? Es war sinnlos. Und dann lief ihr Narziss über den Weg. Der schöne Narziss, in den sich Echo wie jede und jeder andere auch verliebte und sie verfiel ihm und er missbrauchte sie psychisch und physisch. Echo war das schon gewohnt. Und sie fühlte dadurch ihr grausames Schicksal bestätigt und beugte sich. Wenigstens einer, der mit ihr „spielte“. Sie lernte den Mund zu halten. Nur Positives gab sie als Echo wieder. Worte wie: „…der schönste und erfolgreichste Mann.“ Oder „… froh, dass du bei mir bist.“

Selbstverständlich ging das Missbrauchs Muster, das Echo schon von Gott Zeus kannte, bei Narziss weiter

Selbstverständlich verstand sie auch keine Mutterfigur, denn Juno als Gottmutter hatte ihr ja die eigene Meinung untersagt. Irgendwann löste sich Echo auf. Sie war einfach nicht mehr da. Man hört sie manchmal noch im Wald, wenn Felsen zwei Mal unsere Worte widerhallen.

Ich habe mir wegen dieser Geschichte angewöhnt, bei Wanderungen Echo immer ganz laut folgenden Sätze zu zurufen: „Ich passe gut auf mich auf.“ Und: „Ich liebe mich.“ Wenn Echo dann antwortet: „…pass gut auf mich auf, pass gut auf mich auf. Ich liebe mich, ich liebe mich“ dann hoffe ich, dass es ihr etwas von ihrer Selbstverantwortung wiedergibt, dass man ihr auf grausame Weise genommen hat.

Und manchmal setze ich noch eins drauf und rufe Echo ganz laut zu:
„Narz mich nicht!“

Das Schicksal von Echo im narzisstisch-echoistischen Miteinander

Echo und Narziss und die Unmöglichkeit einer gemeinsamen Kommunikation