Ich wurde während einer Gerichtsverhandlung mit der Frage konfrontiert: Wieso haben Sie sich denn so lange missbrauchen lassen? Das fühlte sich wie ein eiskalter Waschlappen mitten in mein Gesicht an. Innerlich fiel mir alles runter. Wie bitte?!? Ich hätte schreien können.

Es hat lange gedauert bis ich in dieser Provokation
ein Geschenk gesehen habe

Zuerst war ich fest auf dem Standpunkt: der Mensch, der mich missbraucht hat, ist schuld. Ich war das Opfer. Damit war ich gestraft genug und in Wahrheit fein raus. Täter. Opfer. Liebes Gericht, was gibt es da zu überlegen? Und worüber zum Henker soll ausgerechnet ICH nachdenken, ich Opfer? Das hätte ich gerne gehabt.

Opfersein ist nicht meine Lebensaufgabe

Nicht einmal, wenn ich mich 15 Jahre lang opfere, bekomme ich Anerkennung und Applaus für diese Rolle. Ich hatte also den Schaden und nun auch noch die Auseinandersetzung damit. Einfacher wäre es, sich erst gar nicht missbrauchen zu lassen…

Mittlerweile nach etlichen Transformationen bin ich meinem Missbrauchsthema auf die Schliche gekommen. Dank der bescheuerten Frage im Gerichtssaal.

Ich habe mich missbrauchen lassen, weil ich mich ohne Missbrauch nicht gespürt hätte. Einer meiner zähesten Glaubenssätze meines Lebens war: Arbeite hart, nur dann wird es gut. Gekoppelt an einen anderen blöden Glaubenssatz: Auch Beziehung ist harte Arbeit.

Eine teuflische Kombination für so einen ehrgeizigen Menschen wie mich. Und ich wollte es immer schon wissen. Weit über meine Schmerzgrenzen hinaus.

Bereits als kleines Mädchen pfiff ich auf alle Grenzen, leider besonders auf meine eigenen und stolperte mit mehrfach gebrochener Nase über Minenfelder zwischenmenschlichen Miteinanders. Ich ließ nichts aus und bekam meine Tracht Prügeln postwendend.

Irgendwann gewöhnt man sich an den Scheiß

Aber, wenn man sich schon beide Knie pausenlos aufschlägt, dann soll‘ s bitte schön auch jeder sehen.

Meine Röcke kokettierten mit meinen Wunden. Gleichzeitig legte ich eine Arroganz an den Tag, die behauptete: Ihr könnt mir alle gar nichts. Ich trotze sogar dem Tod! Bis eine Wahrsagerin erschrocken ihre Glaskugel fallen ließ und mich fragte, wie ich mit 22 Jahren bereits sieben Leben verspielt haben konnte. „Sie haben nur noch eins.“ Ich konterte, dass ich generell – wie jeder Mensch – nur eines habe und mit allen Wassern gewaschen sei.

Beim Erobern von Männern legte ich eine Schallplatte auf und schob den Rock ein bisschen höher, um die Knie zu zeigen. Ich legte den Kopf schief und lächelte verletzt: Schau‘ mal, wie missbraucht ich wurde. Bist du der wackere Ritter, der mir endlich die gewünschte Langeweile in mein Leben bringt?

Ich habe mich missbrauchen lassen, weil ich ein Stück weit glaubte, dass Männer und Frauen genauso miteinander funktionierten. Zumindest, wenn es spannend bleiben soll.

Ich habe mich missbrauchen lassen, weil ich
die Rolle schon als Kind gut draufhatte

Es mangelte mir leider an starken Frauenvorbildern, die ohne Missbrauch glücklich waren. Ein Generationsproblem also auch noch bei mir. In Ermangelung eines geglückten Lebenskonzeptes habe ich mich missbrauchen lassen.

Ich habe mich missbrauchen lassen, weil ich in meinem Leid so sehr viel stärker war als einfach nur glücklich und geliebt zu werden, ohne Drama.

Ich habe mich missbrauchen lassen, weil mir meine blutigen Knie gefehlt hätten. Sie waren meine Normalität. Ich habe mich missbrauchen lassen, weil mich früher niemand um meiner selbst Willen geliebt hat. Ich dachte, je schlimmer und härter mein Leben ist, umso liebenswerter bin ich.

Damit wurde ich zum Magnet für Scheiße

HEUTE bin ich eine liebende und geliebte Frau um meiner Selbst. Ich schlage mir keine Knie mehr blutig, denn ich weiß um meine gesunden Grenzen und achte sie. Ich brauche kein Drama mehr, um mich (gut) zu fühlen. Ich genüge völlig ohne den ganzen Scheiß.

Die gewaltige Energie, die ich dadurch befreit habe, nütze ich viel lieber dazu, Glück und Freude für andere Menschen und mich zu vermehren.

Und Sie?


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