In zumeist reißerischen Beschreibungen und Videos wird der verdeckte Narzisst/die verdeckte Narzisstin im Internet als der gefährlichste, bösartigste, gemeinste Narzisst und hinterhältigste Narzisst von allen beschrieben. Es wird Panikmache betrieben und Angst erzeugt. Damit ist niemandem gedient, ganz im Gegenteil. Für alle Beteiligten, sowohl die Beziehungspartner/innen, als auch den dämonisierten Narzissten, ist es nützlicher, aufzuklären und darzustellen, was sich hinter dem verdeckten Narzissmus verbirgt und wie solche Strukturen entstehen konnten, als Ängste und Unverständnis zu erschaffen. Das ermöglicht dem Beziehungspartner, das Verhalten distanziert zu sehen und NICHT auf sich zu beziehen und somit NICHT in die Opferrolle zufallen, die von Ohnmacht und Hilflosigkeit geprägt ist.

Das trifft genauso auf den offen-grandiosen
Narzissmus zu

Der Nürnberger Psychotherapeut Dr. Jochen Peichl hat zur besseren Beschreibung des verdeckten Narzissmus den Begriff „Mutter Theresa Narzissmus“ geprägt. Den offenen oder grandiosen Narzissten bezeichnet Peichl als „Superman/Supergirl- Narzissten“.


Dr. Jochen Peichel ©

Die Beschreibung Peichls bezieht sich nicht auf den pathologischen Narzissmus, sondern auf narzisstisch akzentuierte Persönlichkeitsmuster, also Strukturen und Verhaltensweisen, die sich in unterschiedlicher Ausprägung in jedem Menschen befinden und noch nicht als krankhaft bezeichnet werden können. Er ersetzt den Begriff „gesunder Narzissmus“ durch „gesunde Eigenliebe“. Diese beschreibt ein Persönlichkeitsmuster, welches in Notfallsituationen in der Kindheit entwickelt wurde, um Schwankungen im Selbstwert auszugleichen.

Anhand der folgenden Skala von Craig Malkin stellt sich die Bandbreite des Selbstwertes wie folgt dar:

Selbstwertkontinuum

„ich bin etwas besonderes“

______________________________________

1- 2- 3- 4- 5- 6- 7- 8- 9- 10

Verleugnet (1-2)___moderat (3-8)__________süchtig (9-10)

Liebe nur Deinen________Liebe Deinen Nächsten______Liebe nur Dich

Nächsten_________________wie Dich selbst

Der „Mutter Theresa Narzissmus“ zeigt sich in der Skala bei 1 und 2, der offene oder grandiose Narzissmus bei 9 und 10.

Die narzisstische Wunde

Wenn Eltern Verhaltensweisen zeigen, die dem Kind die Balance zwischen den Grundbedürfnissen Bindung und Individuation erschweren, entsteht die narzisstische Wunde. Dieses können sowohl Vernachlässigung, Desinteresse, Missbrauch etc. sein, als auch Verhätschelung und Überhöhung. In beiden Fällen fehlt emotionale Zuwendung.

Jochen Peichl sagt dazu: „Die narzisstische Wunde eines Menschen erzwingt die kreative, hochkompetente, aber häufig parafunktionale Lösung für ein Kindheitsdilemma zwischen Bindung und Individuation“.

„Der offene-grandiose Narzissmus und verdeckt-depressive Narzissmus sind die extremen Lösungsversuche für das Dilemma von Bindung und Individuation und ein Versuch, die narzisstische Wunde zu schützen“.

Nicht selten werden eigene narzisstische Wunden auf die eigenen Kinder oder Lebenspartner projiziert. Nicht selten werden die Beziehungspartner in die Verantwortung genommen. Oft entstehen dadurch toxische Beziehungskreisläufe.

Abhängig von Bindungen

Der „Mutter Theresa Narzisst“ entwickelt Bindungsabhängigkeit und Verzicht auf Individuation, auf Entfaltung seines Selbst. Er nimmt sich selbst zurück, um dadurch etwas Besonderes zu sein. Er möchte es allen recht machen und ist von Lob und Bestätigung abhängig. Er entwertet sich selbst, in der Hoffnung, Zuwendung und Bestätigung zu bekommen. Er macht ständig etwas „für andere“ und möchte dafür anerkannt werden. Bleibt dieses aus, entwickelt er Depressionen und Unzufriedenheit und macht andere dafür verantwortlich. Er wirft ihnen dann mitunter sogar selbst vor narzisstisch zu sein.

In seiner Selbstunsicherheit ist er davon überzeugt, ein besonderer Mensch zu sein.

Im Gegensatz zum „Superman-Narzissten“ ist er schüchtern und zurückhaltend

Er fühlt sich leicht als Opfer. Nach außen erscheint er freundlich und höflich, während er innerlich vor Wut kochen kann. Rachegedanken erfüllen ihn und er neigt zu passiver Aggressivität und manipuliert seine Beziehungspartner oft durch emotionale Schuldzuweisungen. Er zeigt „kalte Empathie“, d.h. er nimmt die Emotionen seiner Mitmenschen wahr, ohne mitzufühlen.

Ebenso wie der offen-grandiose Narzisst wird er von der distanzierten Umwelt durchaus positiv wahrgenommen.

Er ist ja so altruistisch und tut so viel Gutes…

Seine engen Beziehungen aber sind problematisch und durch sein leidendes, passiv-aggressives Verhalten belastet. Durch subtile emotionale Manipulationen versucht er seine Beziehungspartner an sich zu binden, denn er ist von Bindungen abhängig.

„Mutter Theresa Narzissten“ sind eher dazu bereit, sich therapeutische Hilfe zu suchen, weil sie schneller das Leid spüren, dass sie sich selbst durch diese Verhaltensweisen zufügen und depressive Symptome entwickeln.


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