Ich fange diesen Blogbeitrag über Schuldumkehr einmal mit einem Witz an. Vielleicht kennen Sie ihn. Auf der Autobahn kommt die Durchsage über den Verkehrsfunk: Achtung, Achtung – auf der A1 kommt Ihnen ein Geisterfahrer entgegen. Der Geisterfahrer hört die Meldung ebenfalls und schimpft vor sich hin: „Einer?“

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, oft u.a. in Verbindung mit Borderline-Syndrom, fällt es schwer, sich selbst zu reflektieren. Sie werden die Schuld immer bei den anderen suchen und übernehmen so gut wie nie Verantwortung für ihr Handeln.

So wie dieser geisterfahrende Narzisst (kann auch eine Frau sein) sieht er/sie keinen Fehler in ihrem/seinen Verhalten, sondern alle anderen fahren in die falsche Richtung. Alle anderen sind Schuld an der aktuellen Misere und er oder sie ist das Opfer.

Wenn immer es ein Opfer gibt,
muss es vice versa auch einen Täter geben.

Ein Opfer alleine ohne Täter funktioniert nicht. Umgekehrt genauso. Wenn ein Mensch mit einer NPS sich selbst als Opfer erlebt, sind alle anderen schuld.

Menschen, die unter einem maligne narzisstischem Menschen leiden, empfinden sich ebenfalls als Opfer und schieben dem Gegenüber die Verantwortung für die Situation zu, in der sie sich befinden. Dieses Hin und Her an Schuldzuweisung nennt man auch toxische Schuldumkehr.

Vermutlich erkennen Sie als Leser:in, dass es aus diesem narzisstisch-echoistischen Wechselspiel nur sehr schwierig ein Entrinnen gibt, wenn das ewig so weiter geht.

Und leider geht es oft ewig so weiter und zieht so auch vor Gericht.

Ich habe noch ein weiteres Bild zum klärenden Verständnis für Sie: Maligne Narzisst:innen können sich selbst nicht reflektieren. Dennoch sehen sie im Gegenüber etwas, nämlich oft eine irritierte oder traurige, möglicher Weise auch verzweifelte Reflektion ihrer selbst. Sie erkennen dabei nicht den anderen Menschen. Sie glauben, die Reaktion des anderen ist ihre eigene. Folglich ist nicht der/die andere traurig, sondern sie selbst. Das spüren sie nicht. Das sehen sie nur.

Die echoistische oder coabhängige Gegenseite sieht wiederum im narzisstischen Gegenüber einen wütenden, demütigenden Part und bezieht diese Art und Weise auf sich und ihr Fehlverhalten.

Beiden Seiten fehlt ein Korrektiv in sich selbst.

Während die Echoist:innen sich selbst verändern, um die Reaktion der Narzisst:innen positiv zu beeinflussen und dabei immer selbst verlorener werden, erzürnt das die Gegenseite. Ein böses, toxisches Wechselspiel, wobei die Bezeichnung Spiel irreführend ist. Mit einem Spiel hat das oft gar nichts mehr zu tun, sondern mehr mit einem Überlebenskampf auf beiden Seiten.

Wie kommt man aus dieser Nummer wieder raus?

Wie beendet man das Drama der Schuldumkehr und
die narzisstisch-echoistische Opfer-Täter-Wirkung?

Nicht ganz einfach, aber unbedingt ratsam: indem Sie aussteigen. Sobald Sie für sich begreifen und die Wahl treffen, nicht länger Opfer zu sein, braucht es auch keinen Täter mehr. Wer Opfer ist, kann nämlich auch zum Täter werden und umgekehrt.

In dem Moment, in dem Sie Urheber:in Ihrer eigenen Handlungen werden, verlassen Sie das Drama. Sie können bildlich gesprochen von der Autobahn mit Geisterfahrer abfahren und irgendwo im Grünen anhalten, aussteigen, tief durchatmen und eine komplett neue Route einschlagen. Niemand ist schuld, aber jede/r trägt Verantwortung, in erster Linie IMMER für sich selbst!

Weitere Blogbeiträge von Regina Schrott & Gastblogbeiträge finden Sie hier.

Zum Podcast kommen Sie über diesen Link.


1 Kommentar

Sandra · 3. Oktober 2021 um 13:11

Ein sehr dankbarer Beitrag liebe Regina! Auch nach meinem Ausstieg aus einer toxischen Autobahnfahrt vor 3 Jahren, ist die Nüchternheit der Analyse von Echoist*innen und Narziss*nnen heilsam zu lesen. Danke!! Sandra

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