Wie verabschiedest Du Dich von einem Menschen, der noch nicht tot ist?

Wo noch so vieles an Worten offen scheint. So vieles ungeklärt auf Missverständnisse stößt und uns gefangen hält, frei und fröhlich zu sein. Gefangen hält, wie ein innerer Kerker.

Es gäbe noch so vieles zu sagen, obwohl alles längst gesagt wurde. Du denkst zu recht, schon alles Mögliche versucht zu haben.

Briefe geschrieben.
Endlose Gespräche geführt.
Mediationen und Paartherapie probiert.

Man hat sich wieder und wieder erklärt, geweint, gestritten, geschwiegen, geschrieen bis man dann irgendwann resigniert verstummt ist. Keine Energie mehr da und auch keine Idee mehr, um diesen Zwist für immer beizulegen.

Man lebt gleichzeitig weiter, aber in Parallelwelten. Ist sich vielleicht noch familiär verbunden, weil man die Tochter der Mutter, der Sohn des Vaters, die Frau des Mannes oder der Partner der Kindsmutter ist.

Die Scheidung ist längst durch.
Die Mediation hat nichts gebracht.

Man konnte die Handlungsweise des anderen nicht verstehen und hat auch keine Kraft mehr, es weiter zu versuchen. Man lebt weiter gleichzeitig – getrennt zusammen, weil man die gleichen Wurzeln hat oder mit gemeinsamen Kindern zu Wurzeln für andere wurde.

Keiner von beiden ist tot.
Nur die Beziehung dazwischen.
Die Verbindung ist gekappt.

Wie verabschiedet man sich von jemanden, der noch nicht tot ist?

Wie also sagt man sich in so einer Situation „Lebe wohl“, um es auch genauso zu meinen?

Lebe wohl.
Sei glücklich und frei.

Frei von der Wehmut, mich nicht zu verstehen und von mir nicht verstanden zu sein. Mach‘ Dir keinen Kopf, dass es so ist.

Es ist wie es ist. Wir haben es uns gegenseitig nicht leicht gemacht. Aber wir haben es ausdauernd versucht.

Wir haben uns wahrlich lange genug miteinander auseinander gesetzt. Wir haben uns nichts und alles geschenkt. Jeder von uns hat auf seine Art und Weise alles gegeben. Alles, was uns möglich war. Dafür anerkenne ich Dich und dafür danke ich Dir von Herzen.

Ich danke Dir für unsere Auseinandersetzungen

Sie haben mich neu zusammengesetzt. Sie haben mich verwandelt und zu der gemacht, die ich jetzt bin. Und ich bin gut, so wie ich jetzt bin. Es fühlt sich alles richtig, stimmig und notwendig an.

Auch wenn Du fehlst.

Auch wenn da eine Lücke ist, die außer Dir niemand zu füllen vermag und auch nicht braucht. Genau diese Lücke aber macht mich frei. Gibt mir Raum zum Atmen und zum tiefen Luft holen.

Gerade diesen Raum brauche ich jetzt dringend, nach unserem Jahre langen Kampf. Und ich fühle, Du brauchst diesen Freiraum – dieses Luft holen auch.

Dieser Raum zwischen uns ist UNSER Raum und es bleibt unser Raum auf Ewig

Ich werde ab und zu hingehen und nach dem Rechten sehen. Schauen, ob es dort noch etwas von meiner Seite zu tun gibt. Gieße die Blumen, die jemand dort hin gestellt hat. Warst Du das vielleicht?

Und ich werde unseren Raum ab und zu lüften. Bildlich die Fenster öffnen und frische Luft hineinlassen. Wenn es draußen zu sehr stürmt, schließe ich die Fenster unseres Raumes behutsam. Es braucht ja nicht noch mehr Scherben zwischen uns.

Ich achte auf unseren Freiraum. Ich beschütze die Lücke. Denn sie gehört Dir und mir, ganz gleich, was geschehen ist.

Diese Lücke ist ein Wahrzeichen meines Wachstums

Was sie für Dich ist, weiß ich nicht…

Vielleicht nimmst Du hiermit meine Einladung an und Du besuchst auch mal unsere Lücke.

Ohne jegliche Erwartung.
Denn die brauchen wir nicht mehr.
An diesem Ort nicht.
In diesem Leben nicht mehr.

Es ist wie es ist. Und es ist gut, so wie es ist. Wir haben es gemeinsam so gestaltet.

Ich danke Dir für alles. Ja, aus tiefstem Herzen und mit weit geöffneten Lungen, danke ich Dir für WIRKLICH alles.
Für Wurzeln und Äste.

Ich wünsche Dir ein fantastisches Leben voller Wunder, und dass Du sie siehst und Dich darüber freuen kannst.

Ich wünsche Dir, dass Dich unsere Lücke nicht schmerzt, sondern dass sie Dich berührt.
Liebevoll berührt. Sie hat uns doch beiden ziemlich viel abverlangt.

Vielleicht macht sie Dich sogar ein kleines bisschen stolz. Denn Du warst wirklich ein toller Gegner – eine wahrlich starke Streiterin.

Öffne ab und zu das Fenster, wenn Du magst. Wenn nicht, ist es auch vollkommen in Ordnung. Ich werde ab und zu vorbeischauen und uns Blumen hinstellen. Mich voll Dankbarkeit an unsere Kämpfe erinnern.

Hier und jetzt aber verabschiede ich mich von Dir

Ich lass Dich los und all meine Erwartungen an uns und Dich.

Es ist mir wichtig, zu Lebzeiten noch Abschied von Dir zu nehmen. Gerade weil wir beide noch leben, möchte ich den Moment nicht verpassen, mich von Dir gebührend zu verabschieden. Schließlich habe ich Dich geliebt und ich tu‘ es auf andere Weise immer noch.

Aber es ist höchste Zeit, Dich und alles loszulassen, was mich – und vielleicht auch Dich – daran hindert, irgendwann in Frieden zu sterben.

Mach‘ es gut. Mach‘ es so gut Du kannst. Es wird gut genug sein.

Du bist genug.
Ich bin genug.
Es ist genug.

In Liebe,
Deine Lücke

P.S.: Vielleicht hast Du so eine Lücke mit Deinem alten Ego. Mit Vorstellungen und Ansichten von Dir selbst. Lass auch diese los. Richte ihnen eine Art inneren Raum ein. Eine Kapelle, wenn Du magst. Es wird Dir helfen, Frieden zu schließen.

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