Die Überschrift kann auch lauten: Werteverlust.

Heute Mittag saß ich mit einem langjährigen Freund, Ip Wischin, im Grand Hotel in Wien. Er hat mich zum Essen eingeladen. Wir kennen uns vom Schauspielstudium. Obwohl wir dort beide lernten, hatte ich immer eher den Eindruck, dass er mich lehrte und oft denke ich während meines Alltags in Deutschland an Worte von ihm und versuche sie in Einklang mit meiner künstlerischen Tätigkeit zu bringen.

Ip hat mich früher in meiner Theaterarbeit oft aufgefordert, mutiger und provokanter zu sein. Was ich schrieb und inszenierte war ihm „zu brav“. Frei nach meinen Worten zitiert, meinte Ip damals zu mir: „Wenn du dich traust, darauf zu pfeifen, was andere über dich denken, sondern sie aufregst, wirst du von den richtigen Menschen wahrgenommen.“ Und so spazierte ich relativ stolz ins Grand Hotel und freute mich darauf, Ip von meinem Erfolg mit #Narzmichnicht zu erzählen und dass ich nun endlich mutiger geworden bin und mich mit allen anlege…

„Wer sind alle?“

„Richter, Anwälte, das Jugendamt zum Beispiel. Ich öffne ihnen die Augen, indem ich sie auf den Narzissmus in unserer Gesellschaft und seine veheerenden soziopathischen Folgen aufmerksam mache.“

„Ach, du meinst deine Obsession?“

Ich war irritiert. Moment, war das der Ip von damals?

„Wenn jemand immer und immer wieder über ein Thema postet und seinen Namen mit Narzmichnicht in Verbindung bringt, dann hat es etwas Obsessives.“

„Ja aber…“ wollte ich mich und etwas verteidigen, auf das ich wenige Minuten davor noch stolz war.

„Das Dilemma der Obsession ist nicht die Obsession, sondern der Druck, der dahintersteht.“

„Okay, dann bin ich obsessiv, aber ich verteidige wichtige Werte in unserer Gesellschaft, die durch den Narzissmus verloren gehen.“

„Weiß das jemand? Wissen das die Personen, die über Dein Kind entscheiden?“

Stimmt, ich weiß gar nicht, ob die das wissen. Am Anfang von Narzmichnicht, bei meinen ersten drei Blogbeiträgen schoss ich noch wütend und verzweifelt gegen meine Narzisse und das System. Von beiden war ich schrecklich enttäuscht. Was nichts Anderes heißt als dass die Täuschung aufflog und ich über mich selbst zornig war, weil ich mich aus welchen echoistischen Gründen auch immer gerne täuschen ließ.

Meine Einstellung hat sich im Laufe der letzten Monate durch meine Arbeit und der sehr intensive Auseinandersetzung mit Narzissmus grundsätzlich geändert.

Sicher bin ich ab und zu noch schwer getroffen und berührt, wenn mir Klienten im Coaching von ihren Erlebnissen mit einer narzisstischen Persönlichkeit erzählen. Ich spüre, wie mir die Galle aufsteigen möchte und mich so vieles an meine eigene Narzgeschichte erinnert. Aber und das ist das Wichtigste: wir alle kommen nicht weiter und werden unsere Gesellschaft nicht retten, wenn wir weiterhin GEGEN Narzissen sind. Das mag jetzt einige LerserInnen irritieren, aber GEGEN etwas zu sein, hat in der Geschichte der Menschheit noch nie etwas gebracht. Irgendjemand ist ständig gegen irgendetwas. Solange wir aber GEGEN etwas sind, fehlt die Energie FÜR etwas zu sein.

Werte zum Beispiel. Wo sind unsere Werte geblieben? Wir leben in einer narzisstischen Gesellschaft, die auch Echoisten zu verantworten haben, die nämlich, die zwar leiden und sich leiden ließen und lassen und weiterhin bei ihren Narzissen bleiben. Gründe, weshalb sich Echoisten nicht von Narzissen trennen, ähneln sich und drücken sich in Verlustängsten oder mangelnder Courage dem eigenen kostbaren Leben gegenüber aus. Oft sind es Besitztümer, auf die es möglicher Weise zu verzichten gilt im Tausch gegen ein freies und glückliches Leben. Manchmal ist es die Angst, nicht auf eigenen Füßen stehen zu können. Viele Menschen haben schlicht weg verlernt, sich selbst zu „bedienen“ und lassen sich der Einfachheit halber lieber von ihren Narzissen fernbedienen.

Sowohl unter den Narzissen als auch unter den Echoisten krankt unsere Gesellschaft, denn beide befeuern, dass der Narzissmus weiterwächst und wuchert und unsere Werte den Bach hinuntergehen. Wir überlassen unseren Kindern nicht nur eine zerstörte Umwelt (die by the way auch Ergebnis eines narzisstisch-echoistischen Miteinanders ist), sondern darüber hinaus auch noch eine Werte lose Gesellschaft.

Peter Turrini – ein rennomierter österreichischer Schriftsteller, für alle, die ihn nicht kennen – sagte in einer Festrede 2018: „Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher.“

Wenn ich als Mutter meinem Herzen und meinem Instinkt folge und mich wie ein hüpfendes Unsicherheitsnetz unter die konfliktorientierte Beziehung mit meiner Narzisse werfe, helfe ich leider weder meinem Kind, noch unserer Gesellschaft, denn es wird von Außen betrachtet obsessiv wirken, mit ganz viel Druck dahinter. Wenn es mir aber gelingt, mit meiner Arbeit und meinem Engagement, meine Energie für eine gesunde, weil empathische Gesellschaft zu geben und ich möglichst viele Menschen mitreiße, mir dabei zu helfen, bin ich in den ein oder anderen Augen immer noch obsessiv, aber der Druck in die falsche Richtung ist weg.

Darüber hinaus gebe ich Ip Recht: Es ist wichtig, dass wir unseren Kindern nicht nur ihre Rechte unter die Nase halten, damit sie sie auswendig lernen, sondern auch ihre Pflichten für eine empathische Gesellschaft. Es ist höchste Zeit, dass wir alle aufwachen!

Ip verabschiedete sich von mir mit den Worten: „Bleib tapfer.“ Und das bleibe ich mit Ihnen, die Sie meine Texte lesen. Lassen Sie uns gemeinsam FÜR eine Gesellschaft aufstehen und einstehen, die sich an uralte Werte erinnert. Nur gemeinsam ist unsere Welt noch zu retten!