Medienwelt und Narzissmus

Wie krank machen uns Facebook und Co?

Leben wir wirklich in einer narzisstischen Gesellschaft? Diese Frage habe ich in meinem letzten Blog aufgeworfen. Ebenso wie verschiedene Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen sich diese Frage nicht nur seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten stellen. Nicht wenige Wissenschaftler behaupten, dass sich vorrangig der „Westen“ zu einer narzisstischen Gesellschaft entwickelt habe. Vieles weist tatsächlich darauf hin. Aber gab es nicht in jeder Epoche Strömungen, welche die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen als „Untergang der Kultur“ bezeichnet hatten? In diesem zweiten Teil zum Thema Gesellschaft und Narzissmus beziehe ich mich auf die Frage: Wie krank machen uns Facebook und Co? Es geht um Social Media.

Segen und Fluch der ständigen „Verbundenheit“ durch Digitalisierung und Social Media

In seinem Buch zur „Digitalen Hysterie“ beleuchtet der Psychologe Georg Milzner die Auswirkungen unserer volldigitalisierten Welt auf die Jugend, die NachfolgerInnen der Millennials. Dabei erteilt er den Kassandrarufen, dass die Computer-Kids dadurch alle schwer gestört würden eine klare Absage. Im Gegenteil, er arbeitet durch einsichtige Argumente heraus, welche Vorteile diese Generation durch ihr Aufwachsen mit den Händen an Tastatur oder Wisch-Display doch hätten. Zugegeben – ich persönlich würde ihm in manchen Punkten durchaus recht geben. Dennoch, ein Subkapitel beschäftigt sich mit Facebook und der Kultur des Narzissmus und den möglichen Zusammenhängen. Auch die „Unkultur“ der endlosen Selfiesucht in allen Lebenslagen, sowie die Behauptung, dass Vernetzung nicht glücklicher macht, kommen zur Sprache.

Er bezieht sich in seinen Ausführungen auf Studien, die darauf hinweisen, dass unsere gegenwärtige Kultur von extremem Narzissmus geprägt sei. Eine der häufig in diesem Zusammenhang zitierten Studien wurde von der amerikanischen Psychologin J. Twenge durchgeführt. Und ihre Schlussfolgerungen sind heftig: Sie behauptet anhand der Ergebnisse, dass es noch nie eine so narzisstische Generation gegeben hätte. (nur so nebenbei bemerkt… in anderen Worten gab es ähnliche Aussagen zur aktuellen Jugendkultur wohl in jeder Epoche).

Mit Sicherheit ist das Verlangen nach Glanz und Glamour rund um die eigene Person kein neues Phänomen. Zweifelsohne hat auch social Media dieses Verlangen nach endloser Selbstinszenierung befeuert. Milzner stellt hier die Frage, wieweit das nun beklagenswert sei und wieweit das tatsächlich ein Produkt der Nutzung von social Media wäre. Er meint, dass soziale Netzwerke nur eine „Rückkoppelungsschleife für narzisstische Ausdrucksformen“ abgäben.

Ja schon, aber bedeuten nicht diese Rückkoppelungsschleifen ein wiederholtes Verstärken dieses narzisstischen Verhaltens? Wenn ich mich recht erinnere (auch mein Psychologiestudium ist, so wie wohl Herrn Milzners Studium, schon länger her), dann sollten wir doch gelernt haben, dass Verstärkung eines Verhaltens durch „response“ erfolgt. Die Verhaltenstheorie besagt, dass durch fehlende Verstärkung (Rückmeldung) ein unerwünschtes Verhalten „gelöscht“ werde. Zugegeben, das ist hier etwas vereinfacht, aber grundsätzlich entspricht es den Studienergebnissen, dass ein Verhalten durch Rückmeldung (und zwar sowohl positiv wie auch negativ) verstärkt wird. Dies in Betracht ziehend, kann es wohl nicht ganz so harmlos sein, wenn durch social Media Rückkoppelungsschleifen erzeugt werden (und zwar im Netz mit Sicherheit häufiger als im realen Leben). Das heißt dann aber schlussfolgernd doch: Das Netz fördert ein grundsätzlich narzisstisches Verhalten (nämlich der permanenten Selbstdarstellung). Und offensichtlich halten auch sogenannte „Shitstorms“ vieler Selfie-Dauerposter nicht vor dem weiteren Netz-Exhibitionismus ab. Im Gegenteil, oftmals werden bestimmte beanstandete Selfies dann gegen andere ausgetauscht.

Public shaminig und „Online-Rache“ – die Kehrseite der Medaille

Eigentlich müsste man nun ja auch schlussfolgern können, dass durch die Möglichkeiten des „public shaming“ die Glanz und Glamour Narzissten vor exzessiver Selbstdarstellung auf social Media abgehalten werden. Cybermobbing und public shaming als weitere Teilaspekte der Nutzung von social Media nehmen ständig zu. Zwar behauptet Milzner, dass das Cybermobbing im Vergleich zum Offline-Mobbing nur ein Drittel einnehmen würde. Aber ist das jetzt ein Rechtfertigungs-Argument dafür, dass es ja NUR ein Drittel darstellt. Kompromittierende und bloßstellende Fotos wurden schon in Generationen davor zur öffentlichen Lächerlichmachung genutzt. ABER: Man konnte derer habhaft werden und das Foto vernichten. Da waren eben nicht x-fache weitere Kopien und Downloads davon vorhanden; das Übel war also viel leichter aus der Welt zu schaffen.

In meiner Wahrnehmung ist die Warnung vor digitalem Missbrauch eben keine „digitale Hysterie“, sondern ein durchaus ernst zu nehmendes Signal. Viele junge Frauen, die unvorsichtiger Weise ihren aktuellen Lovern erlaubten kompromittierende Nacktfotos von ihnen zu machen, haben das später oftmals bitter bereut. Die vollgestopften Plattformen mit Nacktfotos, die manche Ex-Freundin bloßstellen sollen, haben Hochkonjunktur im Netz. Die narzisstisch Gekränkten und Verlassenen (meist Männer) können sich so effektiv und nachhaltig an den Ex-Geliebten rächen.

Also doch nicht so harmlos?

Bei allen positiven Wirkungen, welche soziale Netzwerke und diverse Plattformen bieten können, so enthalten sie Gefahren bezüglich:

  • Einer exzessiven Weiterführung von Egozentriertheit

  • Dem ständigen Bewerten von anderen Bildern, Postings und anderem (ohne Angabe von Gründen und Bewertungskriterien); auch eine Quelle von Machtbewusstsein

  • Möglichkeiten sich ständig in den Mittelpunkt zu stellen – sich bewundern/bewerten zu lassen (mit allen Vor- und Nachteilen)

  • sich dadurch immer wieder ein wenig als der Nabel der Welt zu fühlen.

  • Ein zumindest teilweiser Realitäts-Verlust, indem man sich nur noch in der eigenen Blase im Netz bewegt.

Wirkungen der digitalen Überflutung auf die Psyche junger Menschen

Anders als der oben genannte Psychologe Wilzner, der die Warnrufe über die digitale Überflutung als „digitale Hysterie“ abtut, gibt es kompetente Stimmen, die das anders wahrnehmen. So spricht der deutsche Kinderpsychiater Winterhoff von einer nachhaltigen Schädigung der Psyche bei Jugendlichen (von jüngeren Kindern ganz zu schweigen). Als ein wesentlicher Faktor wird hier angeführt, dass sich Menschen in digitalen Welten weniger an soziale Werte und Ethik halten (Quelle). VerfechterInnen von digitaler Ethik (wie ua. Sara Spiekermann von der Uni Wien) plädieren schon seit geraumer Zeit für eine allgemein einzuführende digitale Ethik. Ein Kulturwandel innerhalb einer anwachsenden digitalen Gesellschaft wird zumindest noch 2014 von einer Mehrheit bezweifelt. Inzwischen sind die Zeichen aber nicht mehr zu übersehen

Dass uns in der digitalen Welt eine „irreale Realität“ (virtual reality) vorgespiegelt wird, lässt sich wohl kaum leugnen. Das Bedürfnis von möglichst vielen Menschen (positiv) wahrgenommen zu werden, ist vor allem für Jugendliche sehr wichtig. Angeblich sind Erwachsene (reife Persönlichkeiten?) von derartigen Liebesbezeugungen weniger abhängig: Kleine Ausnahme – Narzissten; also genauer gesagt Menschen mit einer (pathologisch) narzisstischen Persönlichkeitsstruktur. Wenn aber schon durch die sozialen Netzwerke die narzisstischen Tendenzen immer wieder angestoßen und genährt werden (Selfies, Bewertungen, Dauervernetzung ua.), wo werden wir später noch Nicht-Narzissten finden? Also doch ein Weg in eine voll-narzisstische Gesellschaft?

Wie immer kommt es meist nicht ganz so schlimm wie ursprünglich von Unkenrufer*innen prophezeit. Oder vielleicht doch – und noch schlimmer?! Es verhält sich wohl so, wie schon Paracelsus es ausgedrückt hatte: „Die Dosis macht das Gift“. Nun weist aber schon eine Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln darauf hin, dass die Dosis schon längst die akzeptierte Grenze zur Vergiftung überschritten habe. Überall Smombies – die mit geneigten Köpfen auf ihr Handy starren (und sich damit ganz nebenher auch noch Haltungsschäden einheimsen).

Vielleicht nicht immer nur narzissmusfördernd – aber….

Möglicherweise fördert die Digitalisierung nicht unbedingt den Narzissmus in der Gesellschaft in besonderem Ausmaß. Aber einige Punkte, die sicher nicht psychische Gesundheit fördern, lassen sich doch aufzählen:

Die Dauervernetzung und Social Media Sucht hat ungesunde Nebenwirkungen

Social Media kann tatsächlich eine Form von psychischer Sucht hervorrufen, wie Spielsucht, die auf alle Lebensbereiche ausgeweitet werden will (Gamification aller Lebensbereiche)

Die Aufmerksamkeitsspanne nimmt ab (Studien haben gezeigt, dass sich durch den verstärkten Medienkonsum und die dortigen Darbietungs-Gewohnheiten (z.B. Videoclips) die Zeitspanne der Konzentration verringert. Das heißt, die Menschen verlernen sich länger auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Die Selbstunterbrechung („ich muss mal rasch schauen, ob eine neue Mail/WhatsApp Nachricht angekommen ist“) nimmt zu. Menschen können nicht mehr konzentriert bei einer Aufgabe verweilen. Der sogenannte „Flow“, der zu konzentrierter und ergebnisorientierter Arbeit notwendig ist, nimmt ab.

Immer mehr Unfälle geschehen durch „digitale Abwesenheit“ vom hier und jetzt. Schließlich kann man/frau sich ja nicht einfach durch rote Ampeln vom spannenden Handy-Display ablenken lassen.

Und zuletzt als besonders alarmierendes Beispiel, wie das Digitale das Soziale verdrängt und Gefühlskälte verbreitet: Wie Gerald Lembke (Professor für digitale Medien) beschreibt, wenden sich Mitreisende in einem Bus von einem zusammenbrechenden Mann ab und starren auf’s Handy….die letzten Tage der Menschheit?

Es ließe sich wohl noch eine lange Liste anführen, wieweit der Segen der Digitalisierung zum Fluch werden kann. Was können wir dagegen tun? Bewusster Umgang mit digitalen Medien? Das ist ein schönes Schlagwort. Digitaler Detox? Ebenfalls; nur an der konkreten Umsetzung fehlt es; ganz im Gegenteil.

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Wenn Sie ein kostenloses Beratungsgespräch zum Thema Coabhängigkeit von Narzisst*innen, toxische Beziehungen und wie kommen Sie da raus mit Eva Nikolov-Bruckner möchten, kontaktieren Sie Frau Nikolov-Bruckner direkt über nikolov-bruckner@narz-mich-nicht.at

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Narz Talk Spezial – Narzissmus in Wien

Die beiden Wienerinnen Regina Schrott & Eva Nikolov-Bruckner führen durch die Stadt auf den Spuren von Herrn Freud.

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