Narzissten und Empathen – warum wir uns ähnlicher sind, als wir glauben
Von Menschen, die Liebe verschenken, Menschen, die Liebe verlangen, und einem kleinen Mädchen mit einem Korb voller Süßigkeiten.
Ich hatte immer die falschen Süßigkeiten dabei
Wenn ich heute auf meine Kindheit und meine späteren Beziehungen zurückblicke, sehe ich manchmal ein kleines Mädchen am Rande eines Schulhofs stehen. In seinen Händen hält es einen großen Korb voller Süßigkeiten. Es möchte dazugehören. Freundschaften schließen. Gemocht werden. Geliebt werden.
Also bietet es den anderen Kindern seine Süßigkeiten an. Nur leider schmecken sie niemandem so richtig. Das Mädchen ist enttäuscht. Aber statt sich zu fragen, warum es Freundschaften überhaupt mit Süßigkeiten kaufen muss, beginnt es nach besseren zu suchen. Nach köstlicheren. Nach außergewöhnlichen. Nach welchen, die wirklich jeder mag.
Es beobachtet die anderen Kinder ganz genau. Was mögen sie? Was macht sie glücklich? Wie kann es ihnen gefallen?
Was muss es verändern, damit endlich jemand bleibt?
Und so wird sein Korb immer voller, immer bunter und immer schwerer. Das Mädchen selbst wird dabei immer müder. Denn egal, wie viel Mühe es sich gibt, die Süßigkeiten sind nie gut genug.
Ich war dieses Mädchen.
Seit meiner Kindheit ringe ich um Liebe und Aufmerksamkeit. Ich habe früh gelernt, mich anzupassen, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und meine eigenen zurückzustellen. Ich wurde gut darin. Verdammt gut sogar. Nur in einer Sache war ich erstaunlich schlecht: darin, zu erkennen, dass ich selbst liebenswert bin. Ganz ohne Süßigkeiten.
„Ich würde dich ja lieben, wenn du eine andere wärst.“
Später heiratete ich einen Mann, der mir sagte, er würde mich ja lieben, wenn ich eine andere wäre.
Was für ein Satz! Und was für eine ungeheuerliche Aufforderung an einen Menschen, der ohnehin sein halbes Leben damit verbracht hat, jemand anderes sein zu wollen, um geliebt zu werden. Ich hätte empört aufstehen können. Ich hätte sagen können: Dann such dir doch eine andere!
Aber so einfach ist es nicht, wenn in einem noch immer dieses kleine Mädchen steht, das verzweifelt versucht, die richtigen Süßigkeiten zu finden. Also begann die Suche von vorn.
Vielleicht müsste ich verständnisvoller sein. Geduldiger. Hübscher. Weniger empfindlich. Weniger anspruchsvoll. Vielleicht müsste ich besser zuhören, weniger widersprechen, öfter lächeln und endlich aufhören, so zu sein, wie ich nun einmal bin.
Es ist erstaunlich, was Menschen alles mit sich machen, wenn sie glauben, Liebe müsse verdient werden. Und es ist erschreckend, wie viele von uns genau das gelernt haben.
Narzissten und Empathen – zwei Seiten derselben Sehnsucht?
In der öffentlichen Diskussion erscheinen Empathen und Narzissten häufig wie zwei völlig unterschiedliche Spezies. Hier der liebevolle, mitfühlende Mensch, der alles gibt. Dort der selbstverliebte, rücksichtslose Mensch, der alles nimmt.
Die Guten und die Bösen. Die Opfer und die Täter. Schön übersichtlich. Nur leider sind Menschen selten so einfach gestrickt.
Was passiert, wenn wir einmal hinter diese Zuschreibungen schauen? Wenn wir uns nicht ausschließlich mit den Verhaltensweisen beschäftigen, sondern auch mit der Sehnsucht, die sich dahinter verbergen kann? Was, wenn beide Menschen um etwas kämpfen, das sie tief in ihrem Inneren vermissen: das Gefühl, wirklich liebenswert zu sein?
Der eine versucht, Liebe durch Anpassung, Leistung und Selbstaufgabe zu sichern. Der andere versucht möglicherweise, seinen verletzlichen Selbstwert durch Bewunderung, Kontrolle, Überlegenheit oder ständige Bestätigung zu stabilisieren.
Das sind unterschiedliche Strategien. Sie können sich aber um eine ähnliche Frage drehen:
Bin ich gut genug?
Und werde ich noch geliebt, wenn ich einfach nur ich selbst bin? Natürlich sind nicht alle Menschen mit ausgeprägter Empathie selbstwertverletzt. Ebenso wenig entsteht jede narzisstische Ausprägung aus derselben Kindheitserfahrung. Doch gerade in konfliktreichen Beziehungen lohnt sich ein Blick auf solche möglichen Gemeinsamkeiten.
Zwei Lieder, zwei Stimmen – und ein erstaunlich ähnlicher Schmerz
In meinem „NARZARETT – Kabarett über Narzissmus“ beschäftige ich mich mit genau diesen Dynamiken. Und weil ich finde, dass man manchmal über etwas lachen muss, um es überhaupt ertragen und verstehen zu können, sind daraus – zusammen mit Prof. Chrisatoph Hilger – auch zwei Lieder entstanden.
Das erste heißt „Narzissen – Tulpen – Lied“. Darin singt ein Mensch, der sich so sehr nach Liebe sehnt, dass er beinahe vollständig in der anderen Person verschwindet.
„Meine Liebe reicht für beide von uns völlig aus.“
Ist das nicht ein wunderbarer Satz? Romantisch. Hingebungsvoll. Selbstlos. Und gleichzeitig eine Katastrophe. Denn seit wann reicht die Liebe eines Menschen für zwei? Im Refrain wird die ganze Tragik dieser Beziehung besonders deutlich: „Ich bin die Motte, du bist das Licht.“
Eine Motte, die vom Licht angezogen wird. Die immer näher kommt, obwohl sie sich daran verbrennen kann. Die ihre ganze Kraft darauf verwendet, das Licht zu erreichen, und dabei vergisst, dass sie selbst ein eigenständiges Lebewesen ist.
Ist das Liebe?
Oder ist es der verzweifelte Versuch, durch die Liebe eines anderen Menschen endlich den eigenen Wert zu erfahren? Und dann gibt ein weiteres Lied meinem „NARZARETT – Kabarett über Narzissmus“ mit dem aufschlußreichen Titel: „Das Lied des Narzissten“.
Hier meldet sich plötzlich die andere Seite zu Wort. Ein Mensch, der sich missverstanden fühlt. Der glaubt, dass niemand erkennt, wie empfindsam er eigentlich ist. Der sich gegen Erwartungen, Kritik und vermeintliche Angriffe wehrt. Er singt davon, im Inneren ein Empath zu sein, obwohl er nach außen hart reagiert. Auch hier geht es um Liebe. Um die Sehnsucht, gesehen und angenommen zu werden.
Nur wird diese Sehnsucht anders ausgedrückt. Da wird vorgeworfen, verteidigt, zurückgeschlagen und die eigene Verletzlichkeit hinter einer harten Fassade versteckt.
In beiden Liedern stehen sich also zwei Menschen gegenüber. Die eine Person macht sich immer kleiner, damit die Liebe bleibt. Die andere reagiert möglicherweise mit Abwehr und Angriff, sobald ihr Selbstwert bedroht erscheint.
Beide sehnen sich nach Liebe
Und beide können durch ihre Strategien genau jene Nähe verhindern, die sie so verzweifelt suchen. Das ist tragisch. Und manchmal eben auch so absurd, dass es auf eine Kabarettbühne gehört.
Es gibt noch Tickets für „Das NARZARETT – Kabarett über Narzissmus“ für Ahrweiler, Wien und im Allgäu.
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„Wer einen Narzissten liebt, ist selbst einer?“
Meine geschätzte Kooperationspartnerin Christina Sogl hat dazu einen provokanten Text geschrieben. Seine zugespitzte Botschaft lautet: „Wer eine Narzisst liebt, ist selbst eine.“ Ein Satz, der vermutlich bei einigen Menschen sofort sämtliche Alarmglocken auslöst. Wie bitte?
Jetzt soll der Mensch, der jahrelang gelitten, sich angepasst und seine eigenen Bedürfnisse aufgegeben hat, auch noch selbst narzisstisch sein?
Ich verstehe diesen Widerstand.
Und selbstverständlich ist die Aussage wörtlich genommen keine psychologische Diagnose! Wer einen Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitszügen liebt, entwickelt dadurch nicht automatisch selbst eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.
Aber ich finde die Frage dahinter ausgesprochen wertvoll. Christina fordert dazu auf, hinter die Feindbilder zu schauen. Die eigenen Verletzungen wahrzunehmen. Sich selbst im Gegenüber wiederzuerkennen, ohne das Verhalten des anderen schönzureden. Und genau dort wird es interessant.
Denn vielleicht sind wir gar nicht ausschließlich deshalb so empfänglich für bestimmte Menschen, weil sie etwas besitzen, das uns fehlt. Vielleicht begegnen wir in ihnen auch Anteilen unserer eigenen Geschichte. Unserer Angst vor Ablehnung. Unserem Hunger nach Anerkennung. Unserer Überzeugung, dass wir uns Liebe irgendwie erarbeiten müssen.
Wenn zwei Selbstwertverletzungen aufeinandertreffen
Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitszügen sind nicht grundsätzlich unfähig, andere Menschen zu verstehen. Empathie ist nämlich kein einfacher An-Aus-Schalter. Es gibt die Fähigkeit, Gefühle anderer Menschen zu erkennen und gedanklich nachzuvollziehen. Und es gibt die Fähigkeit, emotional mitzufühlen.
Diese verschiedenen Formen von Empathie können unterschiedlich ausgeprägt sein. Genauso wenig bedeutet eine ausgeprägte Empathiefähigkeit automatisch, dass ein Mensch gesunde Beziehungen führen kann. Wer ständig die Gefühle anderer Menschen wahrnimmt, aber seine eigenen Bedürfnisse ignoriert, besitzt deshalb noch lange keinen gesunden Selbstwert.
Manche Menschen können die Stimmung ihres Partners an einer einzigen Augenbrauenbewegung erkennen. Sie wissen, wann Schweigen gefährlich wird. Wann ein Lächeln angebracht ist. Welche Themen besser vermieden werden. Sie können ihren Partner lesen wie ein offenes Buch.
Nur das eigene Buch bleibt ungelesen

Und auf der anderen Seite steht möglicherweise ein Mensch, der ebenfalls ununterbrochen damit beschäftigt ist, seinen Selbstwert zu schützen. Der Kritik als Angriff erlebt. Der Anerkennung benötigt. Der Schuld abwehrt, weil das Eingeständnis eines Fehlers sein ohnehin fragiles Selbstbild bedrohen könnte.
Zwei Menschen, die so sehr mit ihrer eigenen inneren Unsicherheit beschäftigt sind, dass sie einander kaum noch wirklich begegnen. Der eine sucht Sicherheit durch Anpassung. Der andere durch Kontrolle. Und beide verlieren den Kontakt zu sich selbst.

Tagebuch und Foto von Regina Schrott
Mitgefühl ist keine Entschuldigung für Gewalt
An dieser Stelle ist mir etwas besonders wichtig: Wenn ich über Gemeinsamkeiten zwischen Empathen und narzisstisch akzentuierten Menschen spreche, bedeutet das nicht, dass beide in einer Beziehung automatisch die gleiche Verantwortung tragen.
Wer manipuliert, erniedrigt, bedroht oder Gewalt ausübt, trägt die Verantwortung für dieses Verhalten.
Punkt.
Niemand provoziert psychische Gewalt dadurch, dass er zu verständnisvoll, zu liebevoll oder zu bedürftig ist. Und niemand muss in einer verletzenden Beziehung bleiben, um dem anderen seine Empathiefähigkeit zu beweisen. Mitgefühl für die Verletzungen eines Menschen verpflichtet uns nicht dazu, seine verletzenden Verhaltensweisen zu ertragen.
Aber wir können versuchen, die Mechanismen zu verstehen, ohne Menschen auf ihre problematischen Verhaltensweisen zu reduzieren. Denn gerade das erscheint mir in der heutigen Narzissmusdebatte viel zu selten. Da wird beschimpft, abgewertet und diagnostiziert, als wäre Narzissmus eine ansteckende Krankheit, vor deren Trägern wir die Menschheit warnen müssten. Dabei sind narzisstisch geprägte Menschen zunächst einmal Menschen. Menschen mit einer Geschichte. Menschen mit Bedürfnissen. Menschen, die andere verletzen können und dennoch selbst verletzlich sind.
Das eine schließt das andere nicht aus.
Warum wir immer wieder dieselben Beziehungen führen
Vielleicht liegt eine der größten Herausforderungen darin, zu erkennen, wie vertraut uns bestimmte Beziehungsdynamiken sind. Wenn ich als Kind gelernt habe, dass Liebe an Bedingungen geknüpft ist, kann sich bedingte Liebe später erschreckend normal anfühlen. Wenn ich für Anerkennung kämpfen musste, erscheint mir eine Beziehung, in der ich erneut kämpfen muss, möglicherweise merkwürdig vertraut. Dann halte ich die Anstrengung womöglich sogar für einen Beweis besonderer Liebe.
Ich gebe noch mehr. Erkläre noch besser. Verstehe noch geduldiger. Suche weiter nach den richtigen Süßigkeiten. Und irgendwann bin ich völlig erschöpft. Nicht unbedingt, weil ich zu wenig Liebe in mir trage. Sondern weil ich versuche, mit meiner Liebe etwas zu erreichen, das ich mir selbst noch nicht zugestehen kann:
Ich bin liebenswert, auch wenn jemand anderes mich nicht lieben kann oder will
Das ist für mich einer der entscheidenden Punkte. Nicht die Frage, wie ich den anderen endlich dazu bringe, mich zu lieben. Sondern warum ich so lange bereit war, mich selbst zu verlassen, um seine Liebe zu bekommen.
Die eigene Rolle erkennen, ohne sich die Schuld zu geben
Christina Sogl schreibt auch über die Möglichkeit, eigene problematische Anteile zu erkennen und Beziehungen dadurch grundlegend zu verändern. Ich halte diese Bereitschaft zur Selbstreflexion für außerordentlich wertvoll. Allerdings setzt eine solche Veränderung voraus, dass beide Menschen Verantwortung übernehmen.
Es genügt nicht, wenn einer seine Muster erkennt, während der andere weiterhin verletzt, abwertet und jede Verantwortung zurückweist. Manchmal entsteht durch die Erkenntnis tatsächlich eine neue Beziehung auf Augenhöhe. Manchmal führt sie aber auch zu einer Trennung. Beides kann Entwicklung bedeuten.
Entscheidend ist nicht, um jeden Preis in Verbindung zu bleiben.
Entscheidend ist, sich selbst dabei nicht länger zu verlieren
Denn Selbstliebe bedeutet nicht, sich für unfehlbar zu halten. Sie bedeutet, sich mit seinen Fehlern, Verletzungen und Grenzen wahrzunehmen, ohne den eigenen Wert davon abhängig zu machen, ob ein anderer Mensch damit einverstanden ist.
Und was wurde aus dem Mädchen mit den Süßigkeiten?
Ich denke heute noch oft an dieses kleine Mädchen auf dem Schulhof. An seine Hoffnung, seine Enttäuschungen und seine unglaubliche Anstrengung. Es wollte doch nur dazugehören. Es wollte Freundschaft. Es wollte Liebe. Und es hatte keine Ahnung, dass es dafür überhaupt keine Süßigkeiten brauchte.
Vielleicht ist das die eigentliche Tragik so vieler Beziehungen zwischen Empathen und Narzissten. Dass Menschen mit unterschiedlichen Schutzstrategien jahrelang umeinander kämpfen, ohne wirklich zu verstehen, wonach sie suchen. Der eine möchte bewundert werden. Der andere möchte gebraucht werden. Beide möchten gesehen werden. Und manchmal erkennt keiner von beiden, wie sehr er sich selbst dabei aus den Augen verloren hat.
Ich möchte heute niemandem mehr beweisen müssen, dass ich liebenswert bin
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Ich möchte keine besseren Süßigkeiten kaufen, keine außergewöhnlicheren finden und mich nicht mehr bis zur Unkenntlichkeit verändern, damit jemand bleibt. Wer mich kennenlernen möchte, darf das Mädchen hinter dem Korb kennenlernen. Mit seinen Stärken, seinen Schwächen, seiner Geschichte und all seinen wunderbaren Unzulänglichkeiten. Und vielleicht können wir dann endlich aufhören, Liebe zu verdienen, zu erkämpfen oder einzufordern.
Vielleicht können wir anfangen, einander wirklich zu begegnen. Nicht als Narzisst und Empath. Nicht als Täter und Opfer, wo diese Rollen gar nicht passen. Sondern als Menschen.
Mit einer Sehnsucht, die vermutlich so alt ist wie die Menschheit selbst: Bitte sieh mich. Bitte erkenne mich. Und bitte lass mich so sein, wie ich bin. Denn am Ende brauchen wir nicht immer bessere Süßigkeiten. Sondern Menschen, die uns auch mögen, wenn wir mit leeren Händen kommen.
In Liebe – Regina Schrott

Aktuelle Bücher von Regina Schrott, die sowohl für Narzissten und Empathen sind…
„Leichtigkeit für Superhelden“ (Beziehungs-Ratgeber auch in Englisch)
„Ich bin Echo“ (Roman)
„frei sein“ (Lyrikband)

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