Narziss, der an der unerwiderten Liebe zu seinem Spiegelbild im See zerbricht, bekommt keine Antworten auf seine existenziellen Fragen über die Liebe. Er weiß nicht, wer er ist und wozu er ist. Er will sein Spiegelbild berühren. Doch in seiner Berührung vergeht es. Jeder Versuch, zu lieben, scheitert am Schrecken über das daraus entstandene Zerrbild. Auch sein Kuss bleibt unerwidert. Deshalb erstarrt er. Er lässt tun. Er lässt (sich) lieben, ohne dafür einen Finger zu rühren. Er gibt nicht, er nimmt, damit sein Spiegelbild nicht weiter verzerrt wird. Nichts ist für ihn so schön, wie das Bild von sich selbst, ohne dass er sich darin selbst begreift.

Narziss spiegelt sich, aber er reflektiert sich nicht

Echo ist ohne eigene Stimme. Sie sucht sich in Narziss. Sie will, dass er ihr wunderschöne Dinge über sie sagt, damit sie diese als Echo wiederholen kann. Sie macht und tut und kann damit nicht aufhören, weil sie süchtig nach Anerkennung ist, die sie für sich als Liebe interpretiert. Sie hofft, irgendwann alles in den Augen Narziss richtig zu machen, um geliebt zu werden. Sie weiß nicht, dass sie genügt, so wie sie ist. Sie holt sich permanent die Bestätigung ihres Glaubenssatzes, nie zu genügen.

Narziss sieht sie nicht. Er antwortet nicht auf ihr zwanghaftes Tun. Er konsumiert die Energie ihres Tuns. Er ist süchtig nach Echos Energie, unfähig, sie als Liebe zu erwidern.

Echo braucht Narziss‘ Liebe, um sich selbst zu begreifen

Es ist ihr auf andere Weise unmöglich, sich selbst zu lieben. Echo handelt einzig allein, um Anerkennung für ihr Tun zu bekommen. Umso mehr Narziss abhängig von ihrem Tun wird, umso größer interpretiert sie seine Liebe zu ihr. Sie versteht den Trugschluss nicht und macht immer weiter. Deshalb ist sie im Zwang, tun zu müssen. Echos Tun ist aber nie genug, weil sie es nicht für sich selbst tut und weil Narziss ihren Fleiß um sich nicht mit Liebe erwidern kann.

Echo lässt dabei ihre eigenen Bedürfnisse
und ihr Leben auf der Strecke

Narziss ist im permanenten Nehmermodus. Er nimmt, ohne etwas tatsächlich zu bekommen. Er hat so oft sinnlos und manisch versucht, sein Spiegelbild zu umarmen, ohne Erwiderung, dass er darüber depressiv geworden ist.

Echo wird depressiv, weil ihr Tun den Sinn verloren hat und damit völlig wertlos wurde. Sie ist so darin gefangen, dass es ihr auch nicht möglich ist, inne zu halten und sich und ihr Handeln zu reflektieren. In Ermangelung einer Liebes-Bestätigung macht sie einfach stur weiter. Auch und obwohl sie überhaupt nicht mehr kann. Sie funktioniert nur noch. Dabei plappert sie Narziss kalte abweisende Worte Mantra mäßig nach und manifestiert sie so in ihrem Leben.

Echos Frage nach Liebe bleibt unbeantwortet. Die logische Konsequenz daraus für sie ist, dass sie die Liebe nicht wert ist nach der sie sich so sehr sehnt. Sie definiert sich über ihr Tun für Narziss weder sich noch ihn wirklich zu kennen. Das macht sie leer und depressiv.

Beide meinen einander nicht.
Beide leben komplett aneinander vorbei.

Sie können sich die wirklich wichtigen Fragen des Lebens und der Liebe nicht beantworten. Narziss, weil er sich in Echo nicht erkennt. Echo, weil sie sich in Narziss sucht, aber nicht findet. Für mich ist das die absolute Depression der Liebe.

Die Liebe ist aber die Urfrage unseres Seins und gleichzeitig DIE Antwort auf alles. Unterm Strich ist LIEBE der gemeinsame Nenner all unseres sozialen Miteinanders.

Wenn Menschen nicht mehr über die Liebe kommunizieren können, wird unsere Gesellschaft depressiv…

Was sollte sie auch sonst werden. Narzissten und Echoisten l(i)eben aneinander immer vorbei. Ihre Kinder wachsen in einem depressiven Umfeld auf. Es lehrt sie niemand die bedingungslose Liebe, weil keiner mehr eine befriedende Antwort darauf hat.

Im Hohen Lied der Liebe (Korinther 13) steht: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.“

Deshalb ist die narzisstisch-echoistische Gesellschaft eine zu tiefst depressive, wenn wir nicht gemeinsam dagegen steuern.

Bücher, die mich zu dieser These geführt haben, finden Sie unter Buchempfehlungen

Wenn Sie es ganz wissenschaftlich begreifen möchten, empfehle ich Ihnen das Buch von Bernhard J. Mitterauer „Narziss und Echo – Ein psychobiologisches Modell der Depression“ 


1 Kommentar

Elisabeth Schrott · Oktober 6, 2020 um 12:56 pm

Dieser Blog mit der, aus der Bibel, zitierten Stelle, unterstreicht eindrucksvoll, wie wichtig es ist lieben zu können und geliebt zu werden, ohne wenn und aber. Es gilt Erwartungen hinten anzustellen. Sich selbst zu spüren und sich selbst zu mögen wird im 2. Hauptgebot der katholischen Kirche wunderbar fest gemacht, wo es heißt: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ Übrigens ist das Buch von Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, eine gute Unterstützung auf den Weg dorthin. Ein sehr guter Blog, welcher zum Nachdenken über sich und andere anregt. Bravo!

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