Der Weg ist das Ziel. Dieser Satz klingt ähnlich abgedroschen wie der Satz: Liebe deinen nächsten wie dich selbst. Ich konnte es schon nicht mehr hören. Ich war in einem Leben, das ganz sicher meines war, aber sich nicht mehr danach anfühlte. Vieles davon habe ich mir selbst gewählt, dachte ich zumindest.

Und „eigentlich“ war doch „eh“ alles gut,
aber irgendwie überhaupt nicht

Wenn mir die wenigen Freundinnen, die ich noch kontaktierte von ihren Leben erzählten, dann schämte ich mich für meines. Nicht wegen der äußeren Fassade, an der ich fleißig und sehr bedacht arbeitete, dass sie nichts vom Inneren verriet. Ich schämte mich, weil sich mein Leben so merkwürdig anders anfühlte. Kein Lachen war in Wirklichkeit echt. Jedes Foto auf Facebook gepostet war gestellt oder von mir nachgearbeitet.

Ich redete mir fest ein, dass alles schon in Ordnung ist, außer mir selbst

Denn mein Narzisst fand immer etwas, das an mir nicht in Ordnung war oder etwas, das ich in seinen Augen falsch gemacht hatte.

Ich ging wie auf dünnem Eis durch unser Zuhause, das sich so gar nicht echt nach Zuhause mit Geborgenheit und Fröhlichkeit anfühlte, sondern für mich sehr anstrengend war. Sehr sehr anstrengend. Aber das behielt ich für mich. Sogar meinen Eltern und meinem Bruder gegenüber. Ich war davon überzeugt, dass ich irgendwann alles richtig mache und dann würde auch ich glücklich sein oder zumindest zufrieden oder wenigstens nicht ständig unsicher und verletzt.

Irgendwann konnte ich den Schein nicht mehr halten

Im Rückblick waren es mehr als sechs endlos lange Jahre, in denen ich, wie eine Besessene an meinem Traum von Familie festhielt und ihn brav nach außen allen gegenüber verteidigte, vor allem gegen mich selbst.
Und dann irgendwann schleichend ließ meine Kraft nach. Ich machte Fehler bei der Arbeit. Ich war unkonzentriert, müde, gereizt… alle typischen Anzeichen für ausgebrannt sein. Ich aß nur noch, weil man essen muss, aber ich hatte gar keine wirkliche Lust mehr am Essen, außerdem behielt mein Körper die Nahrung nicht mehr.

In so einer Situation ist es extrem schwierig, an irgendwelche Ziele zu denken. Ich lebte einfach weiter.

Das heißt, ich arbeitete weiter. Ich kümmerte mich um mein Kind. Ich funktionierte irgendwie. Hätte mir damals jemand gesagt: „Such dir ein Ziel. Los geht‘ s!“ Ich hätte entweder zum Heulen angefangen oder nicht einmal reagiert. Welches Ziel bitte schön? Endstation Sehnsucht mit 35 Jahren?

Es waren meine Arbeitskollegen und meine Chefin, die nicht lockerließen. Manchmal sind sie besser als Freunde, weil sie nicht so dicht am eigenen Leben dran sind und mit dem nötigen Abstand doch recht permanent eine Außensicht auf einen haben, die in ihrer nervigen Wiederholung schon allein mit der Frage: na, wie geht’s? irgendwann das Fass zum Überlaufen bringen.

In meinem Fall saß ich plötzlich in der Kantine meiner Chefin gegenüber, die mich eindringlich bat, mir eine Auszeit zu nehmen.
„Früher bist du zur Arbeit voll Elan und Ideen gekommen. Du hattest immer ein Ziel und hast alle mitgerissen. Jetzt ist dein Blick leer. Du bist gar nicht wirklich da. Nimm dir die Zeit, die du brauchst und komm‘ erst wieder, wenn es dir gut geht.“

Stimmt. Ich war nicht mehr da.

Wenn man so plötzlich auf die Straße gesetzt wird und keinen festen anderen Ort als sein zu Hause hat, wo man irgendwie nicht mehr sein möchte, dann muss man gehen. Ich fing also an, zu gehen. Irgendwo musste ich hin, wenn ich von zu Hause instinktiv wegwollte. Also spazierte ich Stunden lang ziemlich ziel- und planlos durch den Wald und über Felder. Ich ging und ging ohne zu funktionieren. Einfach ein Fuß vor den anderen setzend bin ich mich im wahrsten Sinn des Wortes ausgegangen.

Irgendwann landete ich auf einem nahegelegenen Flugplatz für Segelflieger und Ultralights. Mehr mechanisch fragte ich die erste Person, der ich in der Dämmerung über den Weg lief, ob man hier fliegen lernen kann. „Natürlich. Da sind Sie genau richtig. Wann wollen Sie anfangen?“

Es ist absurd, dass ich jetzt ausgerechnet dort stand, wovon ich bereits als Kind mit 8 Jahren geträumt hatte, zu stehen: auf einem Flugplatz, um Fliegen zu lernen. Ich habe es mir nie wirklich zugetraut. Es war mehr nur so ein Traum, den man wie einen Schatz zu tief in sich drinnen spazieren trägt. Und da war ich nun, kurz davor, den ersten Probeflug auszumachen. Da war ich am Ende eines Weges, den ich ziellos gegangen bin oder war doch der Weg das Ziel?

Ich habe tatsächlich angefangen, fliegen zu lernen.

Ein Jahr lang flog ich ohne wirklichen Ehrgeiz, jemals einen Flugschein zu machen. Ich flog mit meinem Fluglehrer im Himmel herum, tauchte Wolken und blickte von oben auf die Erde, auf mein Zuhause, auf mein Leben, das aus 2.000 Metern Höhe betrachtet an Schwere und Tragik verlor. Kleiner noch als ein Puppenhaus war mein verhasstes Heim und ich perspektivisch so sehr viel größer darüber. Diese Distanz hat mir sehr geholfen, den nötigen Abstand zu gewinnen und herauszufinden, wo ich wirklich hinmöchte: physisch und psychisch und mit wem; was mir wichtig ist und was durch die Entfernung an Wichtigkeit verlor. Plötzlich hatte ich viele neue Ziele.

Mittlerweile bin ich Pilotin mit Passagierberechtigung

Ich kann auch Sie herumfliegen, wohin auch immer Sie wollen. Oder ich flieg Sie einfach und dann sehen Sie weiter… welche (neue) Ziele sich für Sie am Weg ergeben.

P.S.: Wenn man fliegt, kann man nicht stehen bleiben. Wenn man fliegt, muss man fliegen, sonst stürzt man ab. Zu fliegen ist der Weg und das Ziel zugleich.

Wenn Sie Hilfe benötigen, können Sie sich direkt hier an uns wenden SOFORTHILFE oder/und lesen Sie unsere Erste Hilfe Tipps im Umgang mit Narzissen

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